Die kleine Leseprobe

 

Hier werden ab sofort "Appetizer" eingestellt, Kürzest-Geschichten. Sie sind mit Bedacht ausgewählt, damit Sie, pars pro toto, einen kleinen Eindruck von meinem Schreibstil bekommen.

 

 

Ausgesperrt

 

 

Als Manuela die Biotonne öffnete, um den vollen Abfallsack loszuwerden, fuhr ihr, sie hatte die Wohnungstür offengelassen, ein Knall durch Mark und Bein.

Worauf sie lediglich zwei und zwei zusammenzählen musste: Das Küchenfenster in ihrer Wohnung oben war gekippt und der rettende Schlüsselbund lag dort im Gang neben dem Telefon, statt in ihrer Hosentasche zu stecken.

Ausgesperrt.

Trotzdem lief Manuela nach oben, hoffte, es könnte die Tür der Nachbarin gewesen sein. Natürlich war sie es nicht. Was tun?

Zum Glück hatte Manuela wenigstens ihr Handy einstecken. Auch wusste sie, die Krankenschwester, ein paar Kollegen, die ihr, oben im Bamberger Klinikum, schon aus ähnlich kniffligen Situationen geholfen hatten. Einer von ihnen hatte geprahlt, zugefallene Wohnungstüren ließen sich stets mit einer Kreditkarte oder zumindest einem Dietrich knacken. Manuela öffnete die Kontakteliste ihres Smartphones und rief den großspurigen Kollegen an. Rufzeichen um Rufzeichen; mit jedem weiteren schwand die Hoffnung.

Nach dem achten Ton meldete sich die Mailbox. Manuela tippte auf "Verbindung beenden". Noch hatte sie drei weitere Kollegen, die sie anrufen könnte, drei weitere Chancen.

Doch keiner von ihnen ging dran.

Manuela kam die Kreditkarte wieder in den Sinn und damit der angebliche Trick. Doch auch ihr Portemonnaie lag oben neben dem Telefon, und darin war auch die Kreditkarte. Stattdessen drohten ihr jene 400 oder 500 Euro, mit denen ihr Konto belastet würde, riefe sie einen Schlüsselnotdienst an. Waren alle samt und sonders Halsabschneider.

In all ihrer Verzweiflung bemerkte Manuela den jungen Mann nicht, der von der Straße her auf sie zugelaufen kam.

„Entschuldigen Sie bitte“, fragte er mit sanfter Stimme, „kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?“

Manuela zuckte zusammen. Wie verzweifelt hatte sie wohl auf diesen hilfsbereiten Menschen gewirkt?

„Ja“, antwortete sie betreten. „Mir ist die Wohnungstür zugefallen.“

Der junge Mann nickte nur, als hätte er es schon geahnt. Der Rest waren zwei, drei Handgriffe, mit seiner Bankkarte und seinem Taschenmesser. Die Tür war wieder offen.

„Tausend Dank“, sagte Manuela erleichtert, als der nette Helfer seine Scheckkarte wieder einsteckte. Dabei fiel ihr auf, dass ein Finger seiner rechten Hand ein wenig geschwollen war und anscheinend geblutet hatte.

„Sie haben sich verletzt“, sagte sie leise.

„Ja.“ Jetzt schaute er sie erwartungsvoll an. „Ich habe mich an meiner Heckenrose mit einem Dorn gerissen.“

So etwas war für eine erfahrene Krankenschwester eine Kleinigkeit. Rasch war die Wunde desinfiziert und fachgerecht verbunden, und ihre Wohnungstür war wieder offen.

Zwei Menschen, die einander halfen, und denen nun beiden geholfen war.


Martin Meyer

Schriftsteller und Musiker


© Autorenfoto und Hintergrund: Ulrike Schaller-Scholz-Koenen