Die kleine Leseprobe

 

Hier werden ab sofort "Appetizer" eingestellt, Kürzest-Geschichten. Sie sind mit Bedacht ausgewählt, damit Sie, pars pro toto, einen kleinen Eindruck von meinem Schreibstil bekommen.

 

 

Unverhofftes Skifahrer-glück

 

 

Max stand am Skilift, wieder einmal. Die Sehnsucht trieb ihn her, all seiner Scham zum Trotz. Zu viele kannten ihn hier, den einst schneidigen Skilehrer. Oder, noch schlimmer, wollten ihn nicht mehr kennen.

Es hatte über Nacht abgekühlt, und seit einer Viertelstunde schneite es. Kristallklar die Flocken. Feinster Pulverschnee. Max wischte sich eine gefrorene Träne von den Wangen. Das Schicksal hatte es gar nicht gut mit ihm gemeint. Er hatte, um eines vermeintlich sicheren und gut dotierten Arbeitsplatzes in der Linzer Stahlindustrie willen, seine Stelle als Skilehrer gekündigt und war nach Linz gegangen in die Fabrik. Weil es da das ganze Jahr über Geld gab und nicht nur im Winter. Hätte er ahnen können, dass er schon vier Jahre später wieder entlassen würde, weil Stahl aus China und Russland billiger war? Hätte er überdies voraussehen können, dass er dann auch als Skilehrer zu Hause nicht mehr zum Zuge kam, weil zu alt und bucklig geworden von der Fabrik?

Der Flockenwirbel nahm zu. Max trat ein Stück zur Seite und machte jetzt, da der Skilift öffnete, ersten Skifahrern Platz. Längst lebte er von Arbeitslosengeld, sein Erspartes schmolz weg wie der Schnee im Frühjahr. Lange würde es ihm nicht mehr reichen. War selbst ein Skipass für nur einen Tag für ihn unerschwinglich.

Dann geschah es. Ein Skifahrer nestelte, obschon ungestört und weit von der Schranke, nervös mit der behandschuhten rechten Hand am Reißverschluss zuerst der Jacke, dann der Jackenaußentasche herum – worauf, wie in Zeitlupe, eine Klarsichthülle zu Boden fiel.

Max zitterte. Drei, vier Mal war es sicher schon passiert, dass einer in seiner Gegenwart den Skipass fallenließ. Doch stets obsiegte über das Skifahrerherz das Gewissen, das „Du sollst nicht stehlen“.

Er sah sich verstohlen um; keiner war in der Nähe, erst recht keiner, der ihn kannte. So überwand er sich, trat hinzu und hob den Skipass auf; er galt, wie erhofft, nur für diesen einen Tag. Den er, wenn er es nur wollte, auf seinen lang entbehrten Brettern verbringen konnte.

So eilte er mit dem Pass heim. Schnallte sich die Skier unter, kehrte zurück zum Lift und stellte sich dort an, die Skimütze tief in das Gesicht gezogen, damit er nicht so leicht zu erkennen war. Als er schließlich an der Reihe war, ohne dass ihn einer dabei krumm angeschaut hätte, atmete er tief auf. Stellte sich in die Bahn, um auf einem der Plätze des Doppel-Sesselliftes Platz zu nehmen.

Dann aber stockte ihm der Atem. Ein Skifahrer, der so aussah wie derjenige, der diesen Skipass verloren hatte, skatete näher, links neben ihn, und wenige Sekunden saßen sie nebeneinander im Lift.

Nie zuvor war Max eine Liftfahrt von allenfalls zehn Minuten länger vorgekommen. Und je höher sie stiegen, desto stärker schlug ihm das Gewissen. Denn je genauer Max die Jacke zu seiner Linken betrachtete, desto sicherer war er sich – er war es!

Kurz vor der letzten Liftstütze hielt es Max nicht mehr aus. Er zog die Mütze hinauf bis über die Stirn und schaute zu seinem Sitznachbarn hinüber. Dann ermannte er sich und fragte, wie unter Skifahrern üblich, per Du: „Hast du vorhin deinen Skipass verloren?“

Der andere, der, so war sich Max sicher, nicht aus dem Dorfe stammte, musterte ihn, unerträglich lange.

„Ja.“

„Ich habe ihn gefunden.“ Max wand sich vor Scham. „Und ihn dann behalten. Wollte mal wieder fahren. Lebe seit Jahren vom Ersparten.“

Der Nachbar nickte. „Ist recht und gut, lieber Skifahrerfreund, denn ich weiß auch, es ist teuer, arg teuer geworden auf den Pisten.“

Max traute seinen Ohren nicht. „Herzlichen Dank“, brachte er schließlich hervor. „Und ich heiß Max.“

„Ich auch.“

Sie blieben für den Rest des Tages beisammen. Während der nächsten Liftfahrt erzählte Max seinem Freund Max die ganze Geschichte. Und abends auf der Hütte stieß er mit ihm auf sein unverhofftes Skifahrerglück an.


Martin Meyer

Schriftsteller und Musiker


© Foto: Ulrike Schaller-Scholz-Koenen