Die kleine Leseprobe

 

Hier seien ab sofort "Appetizer" eingestellt: meine gefürchteten Kürzest-Geschichten. Sie sind stets mit Bedacht ausgewählt, damit Sie, pars pro toto, einen Eindruck von meinem abgründigen Humor bekommen.

 

 

Der Einkaufszettel

 

 

Ich war spät dran, und es war brechend voll. Sieben Mal umkreiste ich den Parkplatz des Supermarkts, bis sich einer erbarmte und seinen Stellplatz freigab. Ich hechtete mit dem Pick-Up hinein, versicherte mich des Einkaufszettels sowie des Geldbeutels und fingerte meine Wagenmünze aus der Hosentasche.

Es dämmerte bereits; in einer halben Stunde schloss der Schuppen. So beeilte ich mich. Hastete mit einem Einkaufswagen in den Markt und arbeitete die Liste Punkt für Punkt ab. Bis ich, im Marmeladengang, im Augenwinkel etwas zu Boden gleiten sah. Ich drehte mich um. Zu meinen Füßen lag ein fremder Einkaufszettel - und ein junger Mann rannte in Richtung Ausgang, der wohl seinen Geldbeutel im Auto vergessen hatte. Ich sah mich verstohlen um und hob den Zettel auf.

 

WC-Sprüh, Bad-Sprüh, Müsli-Riegel, Kaffee. Und, ganz unten, Tiefkühl-Pizza, mit einer krummen Sechs davor - und dreifach unterstrichen. Ganz offensichtlich der Zettel eines Studenten im ersten Semester.

Prompt geißelte ich mich für meine voyeuristische Neugierde. Denn als der Betreffende mit seinem Geldbeutel zurückkehrte, verlangsamte er seine Schritte, schamhaft wie mir schien. Ich riskierte nun einen Blick. Er war beileibe nicht jung, schon gar kein Student. Sein Bauch hing bös über die Hose aus grünem, verblichenem Tweed, und er hatte Ringe unter den Augen. Sicher las er seinem Abteilungsleiter jeden Wunsch von den Lippen ab und saß auf einem Berg von Überstunden.

„Ihr Zettel?“, brachte ich schließlich hervor. Nun schlug mir mein Gewissen, ging mir gar unter die Haut. Wie sehr ein solcher Zettel doch entblößte.

„Ja, danke“, murmelte er; er griff starren Blicks danach - und war im nächsten Atemzug entschwunden.

 

Ich sammelte mich. Tief in Gedanken schlich ich aus dem Marmeladengang, bis vor das Kühlregal, in dessen Scheibe ich mich spiegelte. Ich erstarrte. So trüb das Glas auch war, es war klar genug für böses Erwachen. Mein Blick war genauso müde, und auch ich hatte Ringe unter den Augen. Kam oft nicht fort von meinem Schreibtisch und schaute immer vor Schluss noch einmal ins Fach.

So stand ich eine endlose Weile anbei, bis mich der Blick auf die Uhr ins Hier und Jetzt zurückrief. In fünf Minuten war Ladenschluss.

Ich zückte meinen Einkaufszettel – die Tiefkühlpizzen noch. Auch mir fehlte schlichtweg die Zeit, frisch und gesund zu kochen.

Nur widerwillig nahm ich zwei Pizzen aus dem Tiefkühlregal - und als ich eine davon zu Hause in den Ofen schieben wollte, war mir der Appetit vollends vergangen. Niemand nahm sich Zeit; ein jeder verzehrte sich in Eile, auch ich. Da lief etwas verkehrt in dieser Gesellschaft.

 

Martin Meyer
Schriftsteller und Musiker