Die kleine Leseprobe

 

Hier werden ab sofort "Appetizer" eingestellt, Kürzest-Geschichten. Sie sind mit Bedacht ausgewählt, damit Sie, pars pro toto, einen kleinen Eindruck von meinem Schreibstil bekommen.

 

 

Das Schokoladen-Fondue

 

 

Zurück vom Kindergeburtstag, läutete Barbaras Tochter Hannah Sturm, und als Hannah eintrat, strahlte sie über das ganze Gesicht. Gesicht, Hände und T-Shirt voll Schokolade; sie stand ihr geschrieben bis hinter die Ohrwascheln.

„Stell dir vor, Mama!“, sprudelte es aus Hannah raus, „bei der Carolin gab es ein Schoko-Fondue! So richtig schön heiß und geschmolzen!“

Barbara seufzte. Riss ihrer Tochter das verschmierte T-Shirt vom Leib, warf es gleich in die Badewanne und gab heißes Wasser und einen Flecken-Zwerg darüber. Sie würde es bis zum nächsten Morgen einweichen lassen.

 

Dennoch musste es am nächsten Tag noch ein zweites Mal in die Waschmaschine, damit es sauber war. Und es sollte noch schlimmer kommen. Am Abend brachte Hannah ihren in zwei Wochen bevorstehenden eigenen Geburtstag vor und kletterte eigens Barbara auf den Schoß. „Ich will auch so ein leckeres Schoko-Fondue!“

Wie gerne hätte Barbara die nahezu unvermeidliche Sauerei mit einem rigorosen „Wir haben leider keinen Fondue-Topf“ abgebügelt. Doch leider hatte Tante Sophie ihnen vor Jahren zu Weihnachten ein Fondue geschenkt, das, noch völlig unberührt und original verpackt, im hinteren Kellerregal vor sich hin staubte.

Fürs Erste versuchte Barbara, ihre Tochter mit der gezielten Frage abzulenken, wen sie zum Geburtstag alles einladen wolle. Sie bereute es sofort. Ginge es nach Hannah, würde Barbara ein Zelt im Garten aufstellen müssen. Für sage und schreibe sechzehn Mädels. „Die darf ich doch alle einladen?“, fragte Hannah treuherzig.

„Ja, mein Schatz.“

Verblieb das leidige Fondueproblem, denn Hannah versäumte es nicht, jeden Abend das entsprechende Ansinnen zu wiederholen – worauf sich Barbara doch zu einem „Ich weiß nicht, ob wir so etwas haben“ durchrang.

Prompt streifte Hannah so lange durch den Keller, bis sie die Schachtel mit dem Fondue entdeckte und Barbara mit einem fast mephistophelischen Lächeln auf den Küchentisch stellte. „Von wegen das haben wir nicht! Wird bestimmt mega klasse, unser Fondue, gell Mama?“

Barbara atmete durch und holte Hannah zu sich auf den Schoß. „Jetzt wirst du zehn, nun bist du schon richtig groß!“

„Ja, gell Mama!“ Hannah strahlte. Plusterte sich auf zu voller Größe.

„So groß, dass du mit deinen Freundinnen nach dem Fondue die Küche saubermachen kannst."

Hannah schluckte, fing sich aber gleich wieder. „Machen wir, Mama, versprochen.“

„Ehrenwort?“

„Klabauter-Ehrenwort!“

Barbara verkniff sich das herausfordernde „Macht ihr ja doch nicht“. Es war noch nicht aller Tage Abend.

 

Am Tage vor dem Geburtstag kaufte Barbara die Zutaten für eine Schokoladen-Torte. Sie bat Hannah zum Backen zu sich in die Küche und gab sich alle Mühe, dabei so viel wie möglich herum zu schmieren. Sodass es dort schließlich aussah wie nach einem Schoko-Massaker.

Hannah aber wurde zusehends schmallippig. Als die Torte fertig war, zog sie Barbara ein Stück zur Seite. „Du, Mama?“

„Was denn, mein Schatz?“

„Ich meine, äh, wegen unserem Schoko-Fondue … die Torte ist ja soooo schön, die reicht auch.“

Barbara grinste und backte Hannah zur Belohnung noch eine Zitronen-Rolle und einen Nusskuchen. Das Fondue war nun vom Tisch.

Dennoch sank Barbara, kaum dass die Letzte gegangen war, nach der Feier ermattet aufs Sofa.

Nochmal gut gegangen ...!


Martin Meyer

Schriftsteller und Musiker


© Foto: Ulrike Schaller-Scholz-Koenen