Die kleine Leseprobe

 

Hier werden ab sofort "Appetizer" eingestellt, Kürzest-Geschichten. Sie sind mit Bedacht ausgewählt, damit Sie, pars pro toto, einen kleinen Eindruck von meinem Schreibstil bekommen.

 

 

Die Rebellion der Ansichtsexemplare

 

 

Über den Stapeln nah an der Kasse hing der Haussegen schief. Viele Ansichtsexemplare, obendrauf und aus der Folie genommen, ärgerten sich. Sie hatten es so satt, betatscht zu werden.

„Mir reicht es jetzt“, raunte kurz nach Ladenschluss der aktuelle Ansichts-Fitzek seinen Leidenskollegen zur Linken und Rechten zu. „Aufstand, Streik! Diese Eistüten-Tropfer und Eselsohren-Umknicker!“

Kopfnicken rings umher.

„Wie wäre es, wenn wir abhauen“, schlug Fitzek vor. „Und uns verstecken, wo uns keiner findet.“

„Abhauten und versteckten“, korrigierten Klüpfel/Kobr.

„Wie?“

„Konjunktiv.“

„Nix Konjunktiv, Indikativ“, knurrte Fitzek indigniert. „Wir hauen einfach ab.“

„Klasse Idee. Nur wohin?“, fragte drei Stapel weiter der aktuelle Ansichts-Mankell - der, weil Taschenbuch, noch zerrupfter war als der Fitzek.

„Im ganzen religiösen oder philosophischen Unsinn, vielleicht zwischen Kant und Hegel. Oder im Regal mit den Gedichten“, schlug Fitzek vor. „Sowas liest heute doch niemand mehr. Das ist unsre Chance. Schaut doch mal, wie wir alle aussehen vor lauter Dreck und Speck. Los jetzt!“

So geschah es denn. Die Ansichtsexemplare Fitzek, Mankell, Klüpfel/Kobr und noch ein paar weniger prominente Mitbrüder hüpften, im Schutze der nun leeren Buchhandlung, vom Sockel und zogen rasch um in die Regalzeile mit den Gedichten. Wo sie sich, denn es war bloß eine, zwischen die dort eingestellte Lyrik zwängten. Goethe runzelte pikiert die Stirne, Eichendorff riss aus, Ringelnatz zückte sogleich sein Blöckchen. Vermutlich schrieb er über sie ein witziges Gedicht. Zufrieden arrangierte man sich. Schon graute der Morgen, und mit ihm kamen die Angestellten.

Doch waren nicht alle Ansichtsexemplare von den Stapeln nahe an der Kasse geflüchtet; einige, vor allem Nele Neuhaus, blieben dort, mit dem Weitblick der Frau. Sich darüber sicher, dass die Geflüchteten dort nicht selig würden.

 

Vorläufig sah es nicht danach aus. Die Ansichtsexemplare freuten sich ihres ungestörten Emigrantenlebens. Die wenigen Kunden dort, meist schon älter und mit dicken Brillen, schauten sie entweder ehrerbietig an oder hielten sie bloß für verkehrt einsortiert. Keine Wurstfinger drangsalierten sie mehr, und Rampensau Ringelnatz machte den Vorschlag einer gemeinsamen Lesung.

Zur der dann niemand kam, trotz Sekt und Schnittchen. Worauf zunächst Mankell und bald auch die anderen die Emigration bereuten. Außerdem fing Fitzek, welcher an einer Stauballergie litt, eines Nachts arg zu husten an und störte im Regal die Nachtruhe aufs Empfindlichste. Am folgenden Morgen der nächste Nackenschlag: Eine Angestellte der Buchhandlung kam angestöckelt, legte sie, die sie mal stolz an der Kasse gelegen hatten, in eine Pappschachtel und stellte diese in ein dunkles Gelass mit anderen ausgelisteten oder ausgesonderten Büchern.

„Jetzt reicht es mir“, grantelte Fitzek, der die glorreiche Idee zu fliehen gehabt hatte, in die desillusionierte Runde. „Lasst uns zurückkehren.“

 

Das taten sie dann auch, aber für die Katz; denn längst hatten andere Ansichtsexemplare ihren stolzen Platz oben im Stapel eingenommen. So blieb ihnen nur das Nachsehen, und dann kam wieder die Angestellte mit der Schachtel und brachte sie alle zurück ins Gelass.

Dort schmollen sie noch heute, und am ärgsten ärgern sie sich über das freche Grinsen von Nele Neuhaus, die nicht gestreikt, sondern ihren Platz oben auf dem Stapel neben der Kasse behalten hatte.

 


Martin Meyer

Schriftsteller und Musiker


© Autorenfoto: Manuela Obermeier

© Hintergrundbild: Ulrike Schaller-Scholz-Koenen