Die kleine Leseprobe

 

Hier werden ab sofort "Appetizer" eingestellt, Kürzest-Geschichten. Sie sind mit Bedacht ausgewählt, damit Sie, pars pro toto, einen kleinen Eindruck von meinem Schreibstil bekommen.

 

 

Der Laptop

 

 

„Windows loading“ waren die letzten Worte des Laptops. Danach verabschiedete er sich in die ewigen Jagdgründe.

Hilflos drückte Barbara auf den Einschaltknopf, hämmerte auf die Tastatur. Leider vergeblich, der Bildschirm blieb schwarz.

„Sch … eibenkleister.“Barbara schlug die Hände vors Gesicht. In ihrer Anspannung merkte sie nicht, dass Sohn Mike über ihre Schulter blickte, sodass sie vor seinem „Das wird nichts mehr“ erschrak. Sicher, sie hatte es kommen sehen, die Festplatte lahmte seit Wochen, und dennoch hatte sie gehofft, der Laptop werde es noch eine Weile tun.

Jedenfalls bis Matthias, ihr Mann, von der Montage zurückkam, ihr kluger Berater in Sachen EDV.

„Kauf dir halt einen neuen“, riet Mike ohne erkennbare Anteilnahme.

„Leichter gesagt als getan.“

Barbara klappte den Havaristen zu. Allein der Gedanke, sich im riesigen Geschäft am Stadtrand einen neuen Laptop auszusuchen, trieb ihr nun den Schweiß auf die Stirn.

Ganz abgesehen von dem Backup, das sie (Gott sei Dank hatte ihr Mann es stets für sie angefertigt) in den gekauften Rechner einspeisen musste.

Mike hatte den Raum verlassen; ihr Ältester neigte nicht zu Dienstbeflissenheit. Es half nichts.

Sie würde ihn bitten, sie beim Kauf zu begleiten und zu beraten.

 

Am nächsten Morgen parkte Barbara ihren Polo auf dem Ladenparkplatz. Bevor sie ausstiegen, fragte Mike: „Warst du mit deinem alten Laptop zufrieden?“

„Ja, schon.“ Barbara riskierte einen Blick in den Innenspiegel, beklommen über die Ringe unter ihren Augen. Konnte es wahr sein? Raubte ihr schon die Anschaffung eines Laptops den Schlaf?

Weinige Minuten später tat sich die Ladentür auf. Barbara schluckte. Es war noch schlimmer, als sie sich vorgestellt hatte. Laptops en masse, auf langen Tischen. Wie sich zurechtfinden? Wo war ihr Sohn? Mike schien, kaum dass sie sich einen ersten Überblick verschafft hatte, vom Erdboden verschwunden.

Hilflos stand Barbara inmitten der Laptops. Zumindest die Angestellten schienen keinerlei Notiz von ihr zu nehmen. Ließen sie wohltuend in Ruhe, statt sie mit ihrer Hilflosigkeit zu konfrontieren.

Eben als sie anfing, sich darüber zu wundern, tauchte Mike in ihrem Augenwinkel auf. Bei ihm war ein Angestellter, mit einem originalverpackten Laptop unter dem Arm.

„Was … wie?“, stotterte Barbara, sie wusste nicht, wie ihr geschah.

„Das ist das Nachfolgemodell Ihres alten Geräts“, erklärte der Angestellte leise und ohne Zeichen von Überheblichkeit. „Ihr Sohn war so aufmerksam uns zu verraten, welches Modell Sie vorher hatten. Und dass Sie mit Ihrem alten Laptop zufrieden waren.“

Wieder daheim, nahm Barbara Mike erleichtert in den Arm. Zumal er ihr auf dem Heimweg versprochen hatte, den neuen Laptop auch noch zu konfigurieren und ihr das gefürchtete Backup aufzuspielen.

 


Martin Meyer

Schriftsteller und Musiker


© Autorenfoto: Manuela Obermeier

© Hintergrundbild: Ulrike Schaller-Scholz-Koenen