Die kleine Leseprobe

 

Hier seien ab sofort "Appetizer" eingestellt: meine gefürchteten Kürzest-Geschichten. Sie sind stets mit Bedacht ausgewählt, damit Sie, pars pro toto, einen Eindruck von meinem abgründigen Humor bekommen.

 

 

Mein alter Taunus

 

 

Mein erstes Auto war, arg lang, lang ist das her, ein feinstaubweißer Ford Taunus. Haiheckflosse, Lenkradschaltung, unkaputtbar. Nicht dass da nie was entzwei ging, beileibe nicht. Aber alles zu reparieren, sogar vom Dorfschmied, den es damals, Ende der sechziger Jahre, in allen Dörfern noch gab. Tempi passati. Mein jetziges Auto, ein Audi A 4, hat viermal so viele Teile, die genauso zuverlässig kaputtgehen, aber leider nicht mehr zu reparieren sind. Sagt nicht der Dorfschmied, sondern der Mechatroniker, der die zittrig flackernden Kontrollleuchten ausliest, den Wagen an das Internet stöpselt und die defekten Teile auf seinem Tablet angezeigt bekommt. Dem folgt die dicke Rechnung, beim letzten Mal achthundertneunzig Euronen plus Mehrwertsteuer. Klimaanlagenkompressor, Zahnriemen sowie ein Marderbiss am Turbolader. Früher, beim Dorfschmied, war’s meistens der Keilriemen, manchmal auch ein tropfender Kühler. Kostenpunkt 20 Mark, und am Abend ein Schäuferla mit zwei Klöß im "Schwarzen Adler" - und dazu ein Seidla Bier. Oder zwei, wenn er sich unters Auto legen musste.

Zugegeben, „mein erstes Auto“ ist ein wenig geflunkert, weil ich den alten Taunus zusammen mit meiner Brigitte erheiratet habe. Der Taunus hielt, die Ehe zunächst auch, bis dann ein Arbeitskollege mich samt seinem nagelneuen roten Alfasud zur Arbeit mitnehmen wollte und hierzu hupend (und eher haut als nah) neben meiner Frau hielt. Die, wegen Kehrwoche, den Gehsteig kehrte. Der Rest war Hochdrehen des Motors, große Augen bei Brigitte, und wenige Tage später fuhr die Ehe mit dem schicken Italiener davon.

Doch ich fuhr die Krallen aus und verteidigte zumindest den Taunus. Ließ Brigittes Bremsspuren an Heckklappe und Kotflügel sorgsam weg spachteln und pflegte den Taunus zärtlicher, als ich es je bei Brigitte vermochte.

Bis der TÜV uns schied. Oder, genauer gesagt, geschieden hätte. Denn bei meinem letzten Ausritt, mit seit einigen Monaten abgelaufener TÜV-Plakette, brach mir der verrostete hintere rechte Kotflügel aufs Bankett. Und wenige hundert Meter weiter sank, zum Glück bei nur mehr Tempo dreißig, das ganze Bodenblech zu Grabe. Das Ende meines Taunus, und das ausgerechnet im Taunus ...!

 

 

 

Martin Meyer
Schriftsteller und Musiker