Die kleine Leseprobe

 

Hier seien ab sofort "Appetizer" eingestellt: meine gefürchteten Kürzest-Geschichten. Sie sind stets mit Bedacht ausgewählt, damit Sie, pars pro toto, einen Eindruck von meinem abgründigen Humor bekommen.

 

Der wattierte Gentleman

 

 

„Es wird bitterkalt.“ Schon zur Begrüßung wurde mir diese Prophezeiung zuteil, von der Angestellten der Boutique. Dickes Schottenkaro, voluminöser Rollkragen. Ich dachte mir nichts dabei, schaltete ich doch stets vor dem Wetterbericht ab. Der beste Wetterbericht war der kundige Blick aus dem Fenster.

Optisch war diese winzige Boutique entzückend, old school. Dunkle Stilmöbel, dazu ein behaglicher Ohrensessel für die werte Frau Gemahlin. Edel-Shopping in Watte gepackt. Ein dürrer Kollege mit fröstelnd niedrigem Blutdruck hatte mir dies Geschäft wärmstens empfohlen. Ich zuckte nun zusammen. Hatte nicht bereits er gesagt, es werde bitterkalt? Auch der Name der Boutique sprach Bände: Der wattierte Gentleman.

Schon bekam ich, noch bevor ich meine Wünsche geäußert hatte, von dem voluminösen Rollkragen zwei dick wattierte Lodenmäntel zur Anprobe überantwortet.

„Ist doch nicht Ihr Ernst“, wandte ich ein und klappte den hochgestellten Kragen meines ungefütterten Übergangsmantels nach unten.

„Es wird bitterkalt“, entgegnete die Angestellte und zog mir den dicken Samtvorhang auf zur Anprobe. Jede Widerrede hätte einen Blizzard der Entrüstung nach sich gezogen. So fügte ich mich in mein Los und probierte die Permafrost-Mäntel an.

 

Eine Stunde später und nach gefühlt zwei Dutzenden „Es wird bitterkalt“ verließ ich die Boutique. Mit einem der beiden Mäntel, einem doppelt gestrickten Norweger-Pullover, einer bordeauxroten Pudelmütze, einem Kaschmirschal in Pink sowie der erwärmenden Gewissheit, es mit jedweder ostsibirischen Russenkältepeitsche aufnehmen zu können, welche der Rollkragen sotto voce und mit immer drastischeren Worten von Nordost her aufziehen ließ.

Leider ließ diese Kältepeitsche auf sich warten. Der Pullover trennte sich von selber auf, Mütze und Schal ließ ich in der Bahn liegen, und den neuen Mantel besudelte mir ein BMW-Fahrer, der direkt neben mir durch eine nordwest-atlantische Regenlache fuhr. Sodass der Mantel, als es endlich bitterkalt wurde, in der Reinigung war. Das Ende vom Liede eine saftige Bronchitis.

 

Dem Vernehmen nach ist die Boutique übrigens inzwischen eingegangen. Sicher ahnen Sie bereits warum – wegen des Klimawandels.

 

Martin Meyer
Schriftsteller und Musiker