Die kleine Leseprobe

 

Hier seien ab sofort "Appetizer" eingestellt: meine gefürchteten Kürzest-Geschichten. Sie sind stets mit Bedacht ausgewählt, damit Sie, pars pro toto, einen Eindruck von meinem abgründigen Humor bekommen.

 

Immer diese Schlüssel

 

 

Ich hätte es schon morgens wissen müssen, entsprechend vorgewarnt. Dass da noch was schiefläuft, und zwar mit den Schlüsseln. Aber der Reihe nach.

Es begann damit, dass ich am Morgen, gedanklich weit voraus am Arbeitsplatz, meinen Schlüsselbund ins Gemüsefach des Kühlschranks legte und die Kühlschranktür schloss. Worauf ich so lange danach suchte, dass ich nicht mehr innerhalb der Gleitzeit ins Büro kam und fünf Euro Kaffeegeld ins Sündensparschwein stecken musste.

Wäre ja nicht weiter schlimm gewesen, hätte ich für den Rest des Tages meine Sinne und Gedanken leidlich beieinander gehabt. Stattdessen ließ ich abends, im Hinauftragen der Einkäufe begriffen, den Schlüsselbund auf der Telefon-Konsole im Gang liegen, ehe ich wieder hinunter lief, um den schweren Sprudelkasten nach oben zu schleppen. Klar, dass ich die Tür zur Wohnung offenließ und, da gewittrig, der Wind bedrohlich aufgefrischt hatte. Sodass die Tür knallte, als ich den Sprudel aus dem Kofferraum hob.

Zunächst seufzte ich nur, wusste ich doch den Türenzuschlag-Reserveschlüssel unter der Tropföl-Unterlegmatte in unserer Garage. Dachte ich zumindest. Doch als ich die Matte hob, war der Schlüssel fort.

Nun schwoll das Seufzen an zum Fluchen. Ich rief meine Frau an, doch das Smartphone klingelte ins Leere, und dann begann es wie aus Kübeln zu schütten. Und meine just an diesem Tage gekaufte Tiefkühlkost taute Grad um Grad auf.

Nach einem letzten kernigen Fluch setzte ich mich ins Auto und läutete beim hiesigen Schlosser an, welcher dann auch sofort kam, die Wohnungstür mit zwei gezielten Griffen sowie einem geheuchelten Lächeln öffnete und mir sodann im Hof die branchenübliche Rechnung präsentierte.

Doch war die Geschichte hiermit noch nicht zu Ende. Denn als ich dem Schlossermeister den letzten Fuffi für das dreistellige Aufsperren gab, kam meine Frau in den Hof. Als sie den Pick-Up des Handwerkers sah, wurde sie bleich wie ein Leichentuch.

Ahnen Sie bereits, was mir meine Frau mit dem Augenaufschlag des Schuldbewusstseins beichtete?

„Hach, mein Schatz, es tut mir so leid, aber mir ist die Tür heute auch zugefallen. Und … ich überlegte mir dann, wir sollten für unseren Reserve-Schlüssel ein sichereres Versteck suchen.“

Gut, dass sich der Schlosser ein abgefeimtes Grinsen gerade noch so verkniff, sonst hätte ich ihm eine geschmiert.

 

Martin Meyer
Schriftsteller und Musiker