Die kleine Leseprobe

 

Hier seien ab sofort "Appetizer" eingestellt: meine gefürchteten Kürzest-Geschichten. Sie sind stets mit Bedacht ausgewählt, damit Sie, pars pro toto, einen Eindruck von meinem abgründigen Humor bekommen.

 

 

Meine Scheibe Glück

 

 

Heute früh war ich beim Onkel Doktor, beim Internisten. Leider. Denn irgendwo leidend ist man immer, und falls nicht, dann ist man es allerspätestens dann, wenn man endlich aus dem Sprechzimmer rauskommt. Gibt genug Krankheiten, und Tag für Tag kommen neue dazu. Darum ist es jetzt amtlich, ich bin noch hundertfach kränker als krank. Und alles wegen was, als ich angerufen hab, zwecks Anmeldung zur Generaluntersuchung, da müssen die etwas in den falschen Hals gekriegt haben. Sicherlich deshalb, weil ich der Sprechstundenhilfe gesagt habe, ich hätte nur Cholesterin, sonst nix. Drum hat die mich zur Strafe zum Doktor persönlich durchgestellt:

 

Labor?

Ja.

EKG?

Ja.

Ultraschall?

Ja.

Langzeit-Blutdruck?

Ja.

Koloskopie?

???

Darmspiegelung.

Na gut.

Röntgen?

Nein, Herr Doktor, ich kenn mich durch und durch!

 

Verkabelt, verstöpselt, gestrampelt, mit dem zittrigen Streifen Papier. Speichel, Blut und Urin, Sod und Gomorra, Tod und Tollwut. Abgetastet, auskultiert, durchleuchtet. Zwei Stunden, fünfundvierzig Minuten.

Und nun, wie gesagt, bin jetzt noch kränker als krank, also fast schon in Eiche furniert. Als da sind: Cholesterin, na klar, und dazu noch Hypertonie, Hyperurikämie, Gastritis, Polytoxikämie, Rücken, Darmdivertikel, Herzinsuffizienz, Asthma bronchiale, Gluten- und Laktose-Intoleranz.

Und eine Fettleber, das einzige Wort, das ich verstanden habe.

Egal, jetzt erst mal durchgeschnauft, ich bin ja allen Ernstes noch am Leben. Und etwas fürs Gemüt, eine dicke Scheibe Tiramisu. Meine Scheibe Glück. Hmmmmmm!

 

Martin Meyer
Schriftsteller und Musiker