Die kleine Leseprobe

 

Hier seien ab sofort "Appetizer" eingestellt: meine gefürchteten Kürzest-Geschichten. Sie sind stets mit Bedacht ausgewählt, damit Sie, pars pro toto, einen Eindruck von meinem Schreibstil bekommen.

 

 

Die rote Jacke

 

 

Zugegeben, das Rot war schon etwas verblichen, vor allem am Kragen. Aber sie stammte aus gutem, wenn auch nicht noblem Haus, und machte nach wie vor eine passable Figur. Trotzdem wartete sie schon seit Monaten im Schaufenster des Edel-Secondhand-Ladens. Keine Kundin hatte sie anprobiert oder wenigstens nach ihr gefragt.

Die rote Jacke trug Trauer. Denn jetzt hing sie nicht mehr, wie die längste Zeit davor, in der Mitte des kleinen Schaufensters. Die Ladenangestellte hatte sie, mitsamt dem Bügel, an dem sie hing, ganz an dessen Rand abgeschoben. Außerdem war die rote Jacke dabei verrutscht und hing nun schief an dem Bügel. Niemand hatte sich ihrer erbarmt und sie wieder gerade gerichtet. Am Rande des Fensters und schief auf dem Bügel. Wer zum Teufel sollte sich jetzt noch für sie begeistern wollen? Zumal nun in der Mitte ein Kleid aus edler Seide hing. In Siegerpose, von Bogner.

Dann jedoch blieb eine Frau von etwa sechzig Jahren vor dem Schaufenster stehen. Gut gekleidet, sorgsam frisiert, typische Bogner-Kundschaft. Desto erstaunter war die rote Jacke, als die Blicke der Passantin zu ihr her wanderten und sogar an ihr haften blieben. Schließlich betrat die Dame den Laden. Die Jacke hielt den Atem an. Sollte ihre Stunde gekommen sein?

In der Tat, nur wenige Augenblicke später zog die Angestellte des Ladens den Vorhang zwischen Verkaufsraum und Schaufenster zur Seite, fasste nach dem Bügel und reichte die rote Jacke der Kundin, die vor der Umkleidekabine wartete. Die trat, obwohl sie die rote Jacke bloß hätte überstreifen müssen, in die Kabine und zog den Vorhang zu. Als wollte sie dabei mit sich und der Jacke allein sein. Sie hatte Ränder um die Augen, und schmal war sie im Gesicht. Als läge hinter ihr eine schwere Zeit.

Nachdem sie von der Kundin übergestreift worden war, fühlte sich die rote Jacke wohl in ihrer Haut. Die Haut, ja der ganze Körper dieser Kundin, verströmte etwas Vertrautes, geradezu Intimes.

Dann aber griff die Hand der Kundin nach ihr. Sie tat es jedoch keineswegs hart oder gar grob, und sie fasste dabei in eine tief in das Jackenfutter eingearbeitete Innentasche. Sie tastete dort nach etwas, das die rote Jacke gespürt, jedoch wegen des geringen Gewichts mit der Zeit vergessen hatte.

„Sie ist es!“, schrie die Kundin, in Händen jenen Gegenstand, den sie soeben aus der Innentasche genommen.

Der roten Jacke pochte das Herz. Sie nahm all ihren Jackenmut zusammen und fragte: „Wer bin ich?“

„Du bist mein“, antwortete die Dame, schon nahe am Wasser gebaut, und hielt ihr den Gegenstand aus der Innentasche hin: Das Foto eines Mannes.

Worauf, immer wieder unter Tränen, die Kundin der roten Jacke die ganze Geschichte erzählte: Nach dem plötzlichen Unfalltod ihres Mannes hatte sie die in ihren trauernden Augen zu grelle Jacke in eine Altkleidersammlung des Roten Kreuzes gegeben und sie jetzt endlich wiederfinden dürfen, an Hand dieses Fotos in der Jacke, das die Kundin vor deren Weggabe in der Tasche vergessen hatte.

„Ganz meinerseits“, antwortete die rote Jacke. „Ich habe auch getrauert, um dich und ohne es zu wissen. Drum hing ich auch nicht mehr in der Mitte des Schaufensters, weil ich einfach zu traurig dreinblickte.“

„Jetzt haben wir uns wieder“, hauchte die Kundin. „Ist das nicht tröstlich?“

Dann weinte sie wieder, dieses Mal vor Freude, denn jetzt war auch die letzte Trauer von ihr gewichen. Und die Angestellte wollte noch nicht einmal Geld: „Es ist ja Ihre Jacke“, erklärte sie. „Sie haben lediglich wiedergefunden, was allein Ihnen gehört.“

„Danke. Darf ich sie gleich anbehalten?“

„Ja, bitte“, hauchte die rote Jacke. Noch immer konnte sie ihr Glück nicht fassen.

„Unbedingt“, bekräftigte die Angestellte; sie fasste in eine Lade und reichte der Kundin noch ein feines Tuch, offenbar gegen die kleinen Fältchen am Halse. „Nehmen Sie das noch mit dazu.“

„Gerne. Bin ich Ihnen wirklich nichts schuldig?“

„Nein“, beharrte die Angestellte und öffnete ihnen die Tür. Die rote Jacke war sachte an eine liebende Haut geschmiegt. Hätte auch eine Jacke greinen können, wäre sie sicher in Tränen der Erleichterung ausgebrochen.


Martin Meyer

Schriftsteller und Musiker


© Foto: Ulrike Schaller-Scholz-Koenen