Die kleine Leseprobe

 

Hier seien ab sofort "Appetizer" eingestellt: meine gefürchteten Kürzest-Geschichten. Sie sind stets mit Bedacht ausgewählt, damit Sie, pars pro toto, einen Eindruck von meinem Schreibstil bekommen.

 

 

Die Suppen-Terrine

 

 

„Nimm die noch mit.“ Lisa trat an den Hängeschrank mit dem alten Geschirr, nahm eine Suppenterrine mit Zwiebelmuster heraus und stellte sie Stefan zu Füßen.

„Sowas kauft doch keiner mehr.“

„Ich weiß. Aber irgendwo muss man anfangen, sonst wächst es einem über den Kopf, das ganze Geschirr.

„Ich verkaufe Schmuck“, erklärte Stefan. „Da kann ich keine Terrine aus Porzellan dazu stellen.“

„Ich habe da was im Gefühl“, beharrte Lisa und ließ ihn damit allein.

 

Seit langem bereits verkaufte Stefan Schmuck, aus zweiter Hand, aus Erbschaften und Insolvenzen. Einige Jahre hatte er gut damit verdient, doch der Wind hatte sich gedreht. Die Leute kamen zwar alle noch, schauten aber nur und kauften nichts. Schon gar keine Suppenterrinen.

Dann bückte Stefan sich doch nach der Terrine, besah sie genau und spitzte schließlich unten auf den Boden. Worauf er seinen Augen nicht traute: Zwei gekreuzte Schwerter, Meißner Porzellan. Wieso zum Teufel war ihm die nicht aufgefallen?

So legte Stefan die Suppenterrine zu seinem Schmuck und brach am nächsten Tag im Morgengrauen auf. Sein Ziel der Nürnberger Trempelmarkt. Es würde ein arg langer Tag werden.

 

Es wurde nicht nur ein arg langer, sondern auch ein verdrießlicher Tag. Gegen acht Uhr begann es zu nieseln; um neun regnete es in Strömen und hörte den ganzen Tag nicht mehr auf. Fatal für einen Trempelmarkt und erst recht für Schmuck, verborgen unter zwar wasser-, aber auch blickdichten Plastikplanen. Kaum ein Kunde, der etwas kaufen wollte. Es war immer das Gleiche; die Leute genierten sich alle, ihn darum zu bitten, die Plane ein Stück zu liften. Nur die Terrine spitzte ob ihrer Größe unverdrossen unter dem Plastik hervor.

„Hach, Schatz, schau mal her, diese Terrine da … wie die von Muttern!“

Stefan, gerade dabei, seine Frust-Schoko aus dem Rucksack zu nehmen, drehte sich nach der weiblichen und leicht überdrehten Stimme um.

Wenige Minuten später war Stefan die Suppenterrine los und hatte sogar ein richtiges Geschäft gemacht. Denn das Ehepaar, er um die sechzig, sie noch etwas älter und schon ziemlich tattrig, hatte noch nicht mal mit ihm handeln wollen, sondern anstandslos die von ihm frech genannten 200 Euronen bezahlt! Mehr hatte er mit seinem Schmuck an Umsatz nur selten gemacht, selbst an sonnigen Tagen.

 

„Siehste!“, konnotierte Lisa am Abend, nachdem Stefan ihr die Geschichte erzählt hatte. „Von wegen sowas kauft doch keiner mehr.“

Stefan schwieg. Was hätte er ihr auch entgegenhalten sollen.

„Was waren das eigentlich für Leute?“, fragte sie, schon halb in der Küche.

„Ein älteres Ehepaar“, antwortete Stefan. So recht konnte er es immer noch nicht fassen. „Er fit wie ein Turnschuh und sie schon etwas zittrig.“

„Reimt sich.“ Lisa am Herd mit dem Nudelwasser. „Dann hat sie sicher Mutters Meißner Terrine runtergeschmissen.“


Martin Meyer

Schriftsteller und Musiker


© Foto: Ulrike Schaller-Scholz-Koenen