Die kleine Leseprobe

 

Hat Mord im Altmühltal Ihr Interesse geweckt? Es wäre mir eine Freude. Hier finden Sie ein Kapitel daraus als Appetitanreger:

 

 

8.15 Uhr. Studiendirektor Kurt Remmel

 

 

Zu dieser morgendlichen Stunde wanderte die Klasse 7b des Weißenburger Gymnasiums zum Karlsgraben. Kurt Remmel, der Klassenlehrer, behandelte im Geschichtsunterricht gerade Karl den Großen. Und hatte das »Och nö« mehrerer Schüler, die den Wandertag lieber bei Shopping und Hamburgern in Nürnberg verbracht hätten, am Bahnhof mit pädagogischer Strenge gekontert: »Halt! Hiergeblieben! Sonst gibt es einen verschärften Verweis!«

Nach Weißenburgs Speckgürtel zerfiel der Klassenverband in Grüppchen. Remmel ließ sie gewähren, daran gewöhnt, dass Ordnungsrufe und Armrudern vergeblich waren. So ließ er die vorneweg marschierenden Vorzugsschüler ein ums andere Mal anhalten, bis sich die Reihen wieder schlossen, und versuchte es auch mit pädagogischem Zuckerbrot: »Im Karlsgraben-Museum gibt es etwas zu trinken, da lade ich euch ein.« Normalerweise hatte das Museum dienstags geschlossen, doch er hatte eigens für seine Klasse eine Sonderführung mit Eis und kühlen Getränken organisiert.

Prompt ging es schneller voran. Gegen 9 Uhr erreichte der Zug den Grabenmund der Fossa Carolina, die im Ried zwischen der Schwäbischen Rezat und der Altmühl noch immer gut zu erkennen war. Zur Linken das einsame Anwesen an der Bahnstrecke Treuchtlingen– Nürnberg, wenige Hundert Meter weiter der Spielplatz am Westrand des Karlsgrabens, zu dem Remmel die Schüler für die nun fällige Pause lotste. Idylle pur. Fragte sich, wie lange noch. Seit Monaten hieß es in Treuchtlingen und Weißenburg, Hotelier Pit Baldauf werde ausgerechnet hier am Karlsgraben ein Grundstück erwerben, um einen Biergarten zu eröffnen, womöglich als Probelauf für etwas noch Größeres wie ein Luxushotel. Vier hatte er schließlich schon.

Ein polarisierendes Projekt, das die an sich nicht rebellischen Treuchtlinger in Scharen in eine Bürgerinitiative gegen Herrn Baldauf trieb. Völlig zu Recht. Die Fossa Carolina war ein archäologisches Denkmal und stand deshalb unter Naturschutz. Jedoch hatte Baldauf auch Unterstützer, die Treuchtlingen, das Reiseziel mit Thermalbad, aber ohne luxuriöse Hotels, im Hintertreffen sahen, zumal gegenüber dem Urlaubsparadies Fränkisches Seenland bei Gunzenhausen. Auch am Karlsgraben selbst wiesen lediglich knappe Hinweistafeln auf die geschichtliche Bedeutung dieser Stätte hin.

Für diese Gegend leider typisch. Man stellte sein Licht unter den Scheffel.

Nach zehn Minuten erreichte die Klasse den Spielplatz, wo Remmel lagern ließ. Die Schüler stürmten in den Schatten der Bäume, tranken aus ihren Wasserflaschen und zückten ihre Smartphones für ein Selfie.

»Mann, gibt es hier kein Netz?«

»Scheißwandern!«

»Scheißgraben!«

Gekicher. Blinkende Zahnspangen. Zeit, die Zügel anzuziehen.

Remmel setzte seinen Rucksack ab. Er nahm die Arbeitsblätter heraus, die er für den Graben-Rundgang angefertigt hatte. Ein Geländespiel. Vermutlich ein etwas zu ambitioniertes Vorhaben für diesen brütend heißen Tag kurz vor den Sommerferien.

»Herr Remmel?«

Der Lehrer drehte sich nach der ihm vertrauten Stimme um. Klassenprimus Franz Binninger faltete beflissen den kleinen Flyer über das Graben-Museum auf, den Remmel in der Klasse verteilt hatte, und fragte: »Ist überhaupt Wasser im Graben, ich mein wegen der Dürre und dem Klimawandel?«

Gute Frage. Remmel zeigte in Richtung der Holzbrücke, die, einen Steinwurf vom Spielplatz entfernt, die beiden Uferwege der Fossa Carolina miteinander verband. »Schau doch dort mal rein«, antwortete er und nickte Franz zu.

Was sich der nicht zweimal auftragen ließ.

Der Lehrer nahm ein Papiertaschentuch und fuhr damit über den Schweiß auf der Stirn. Wandertage waren immer Stress, und bei 30 Grad des Teufels. Er ließ sich kurz auf der Wippe des Spielplatzes nieder und atmete durch. Nichts wie weiter. Im Graben war es schattig.

»Sammeln! Los jetzt, weiter geht’s!«

Es sollte anders kommen, denn in das Wort »weiter« fuhr ein markerschütternder Schrei.

Wenige Atemzüge später kam der Klassenprimus hergerannt. »Herr Remmel, kommen Sie bitte schnell, im Graben liegt ein toter Mann!«

Remmel stürzte zur Brücke. Was er sah, sollte ihm jahrelang Albträume bereiten. Der Tote war sein früherer Kollege Max Meindl – Studiendirektor a. D. am Gymnasium in Weißenburg. Für Deutsch, Latein und Karzer, wie man in der Schule noch heute hinter vorgehaltener Hand raunte. 

 


Martin Meyer

Schriftsteller und Musiker


© Autorenfoto unten links: Manuela Obermeier

© Autorenfotos Hintergrund & Slideshow: Ulrike Schaller-Scholz-Koenen und Manuela Obermeier