Das kleine Gedicht

 

Gedichte bringen jede Sprache zum Klingen; sie sind weit mehr als nur Reime dich oder ich fresse dich und weisen immer über den letzten Jambus hinaus. Deshalb sei fortan an dieser Stelle Lyrik aus meiner Feder vorgestellt.

 

 

 

November

 

 

 

Die Blätter fallen weit und breit,

die Tage grau und fad.

Bis es ist endlich an der Zeit:

Der Martinsumzug naht!

 

Mit Liedern und Laternenschein

die Kinder rings umher.

Die Helferschar lief hinterdrein,

so ging es kreuz und quer.

 

Gar mancher meint vermeintlich klug:

Das Gleiche Jahr um Jahr!

Nein, weit gefehlt, der Martinszug

vor Zeiten anders war.

 

Wie schnupperten einst Karl und Hans,

das Wachs roch gar zu gut!

Doch brannte die Laterne ganz,

gab’s Tränen meist und Wut.

 

Doch heute für die Sicherheit

das Licht elektrisch brennt.

Dahin ist alle Sinnlichkeit,

doch keiner mehr, der flennt.

 

Sankt Martin saß einst hoch zu Ross,

wie stolz er um sich schaut.

Heut reitet niemand mehr im Tross,

weil keiner mehr sich traut.

 

Denn auf dem Land war einst im Ort

am Abend kaum Betrieb.

Ganz unbekümmert zog man fort,

es stets beschaulich blieb.

 

Doch heute sind auf Schritt und Tritt

die Eltern mit zu Hauf.

Sie laufen furchtsam alle mit

und passen ständig auf.

 

Und jede Kreuzung ist umstellt;

es wacht die Feuerwehr.

So selbst den größten Bengeln fällt

das Streichespielen schwer.

 

Und bald in die Besinnlichkeit

so manches Smartphone schellt;

die Foto-App blinkt weit und breit

und schickt’s in alle Welt.

 

Genug geseufzt – am Ende Punsch

und Glühwein immerdar.

Denn ewig bleibt der Abschiedswunsch:

Ade bis nächstes Jahr!


Martin Meyer

Schriftsteller und Musiker


© Foto: Ulrike Schaller-Scholz-Koenen