Das kleine Gedicht

 

Gedichte bringen jede Sprache zum Klingen; sie sind weit mehr als nur Reime dich oder ich fresse dich und weisen immer über den letzten Jambus hinaus. Deshalb sei fortan an dieser Stelle Lyrik aus meiner Feder vorgestellt.

 

 

 

Dankbarkeit

 

 

 

So mancher mault mehr dumm als recht:

„Fängt wieder an der Tag so schlecht!“

Die Zeitung fehlt, dann sitzt im Zug

bei dir ein Kerl mit Mundgeruch,

der Rechner, müde wie gedruckt,

sich hat am Update schier verschluckt.

Und als vom See du träumst schon bald,

kriegst auf den Schreibtisch was geknallt.

 

So kam es denn wie’s kommen muss,

der Tag schlug um in viel Verdruss:

Kein See, kein Bad, nur heim jeloofen,

ne Tiefkühlpizza drin im Ofen,

und aus der Post heraus gezogen

die Rechnung bloß vom Urologen.

Du stierst verbissen an die Wand,

bis dir die Pizza ist verbrannt.

 

Du Narr! Statt klagen nur zu Hauf,

zäum dir den Tag doch anders auf!

 

Die Zeitung fehlt? Dann sei doch froh

und schrei nicht Zeter Mordio,

dann wirst du nicht zum Stiefelknecht

der Meldungen so bös und schlecht.

Sei glücklich, dass du Arbeit hast,

so mancher schon ward bös geschasst,

und an den See noch spät dich trau,

im Juli bleibt der Abend lau.

 

Und die Moral von der Geschicht?

Dem Tag belasse sein Gesicht!

Denn was verdrießlich an den Rändern,

das kannst du ohnehin nicht ändern.

Drum freue dich an jeder Stund,

auch dann, wenn es dir läuft nicht rund,

denn selbst für das, was ausgefranst,

du stets von Herzen danken kannst.

 

Martin Meyer
Schriftsteller und Musiker