Das kleine Gedicht

 

Gedichte bringen jede Sprache zum Klingen; sie sind weit mehr als nur Reime dich oder ich fresse dich und weisen immer über den letzten Jambus hinaus. Deshalb sei fortan an dieser Stelle Lyrik aus meiner Feder vorgestellt.

 

 

 

Der Lenz

 

 

 

Der Lenz, begabt nach alter Weise,

In seiner Dichterklause schmollt.

Hat man ihn doch erklärt zum Greise

Und ihn fortan nicht mehr gewollt.

 

Vor Jahren viel den Deutschen wärmte

Das südlich Frühling mehr das Herz.

Der Lenz darüber bald verhärmte

Und litt des Unterlegenen Schmerz.

 

Seitdem, da Zeit durchs Land gezogen,

Der Frühling viel an Reiz verliert.

Erscheint das Wort mir wie verbogen,

Zu flach und überstrapaziert.

 

Drum, holder Lenz, mir sei willkommen,

Des Greises Klause lass zurück!

Ich warte sehnlich auf dein Frommen,

so komm, ach komm, mir neu zum Glück!

 

 

Martin Meyer
Schriftsteller und Musiker