Das kleine Gedicht

 

Gedichte bringen jede Sprache zum Klingen; sie sind weit mehr als nur Reime dich oder ich fresse dich und weisen immer über den letzten Jambus hinaus. Deshalb sei an dieser Stelle Lyrik aus meiner Feder vorgestellt.

 

 

 

Mensch und Tier

 

 

 

Wie ist, ob heute, ob vordem,

das Menschsein manchmal unbequem.

Man ist zu groß, oft auch zu klein,

warum nicht mal ein Tierchen sein?

 

Der Hund, der doch zu jeder Frist

des Menschen treuer Liebling ist,

der hat es gut von früh bis spät,

wenn er nicht halten muss Diät.

 

Doch auch die Katze ist beliebt,

auch wenn sie keine Wache schiebt.

Mit ihrer Eitelkeit sie leicht

dem Menschen unerfreulich gleicht.

 

Das Huhn, ihr wisst, von früh bis spat

nur Eier uns zu legen hat,

am Sonntag zwei, denn Müßiggang,

es ruht den Rest des Tages lang.

 

Als Wolf man wäre ungestört,

denn jeder, der sein Heulen hört,

der gibt gar ängstlich Fersengeld,

so man die Menschheit fern sich hält.

 

So manches Tier zu jeder Zeit

zur raschen Tarnung ist bereit.

Noch besser als das Mauseloch,

in das man oft nur mühsam kroch.

 

Sich tarnen muss zu keiner Frist,

weil er im Busch der Stärkste ist:

Ein Löwe wäre mancher gern,

auch er hält sich Rivalen fern.

 

Die Arie beim Viecherlball

singt Jahr und Jahr die Nachtigall.

Deswegen sie auch keiner frisst,

weil sonst nur Rumgekrächze ist.

 

Seit alters her besitzt bereits

ein jedes Tierlein seinen Reiz.

Doch halte ein, sieh mit Bedacht,

was dich als Menschen anders macht.

 

Denn nur der Mensch, wie ihr es wisst,

des Lesens, Schreibens mächtig ist.

Ich bleibe Mensch, der dann und wann

euch mal ein Verslein schmieden kann!

 


Martin Meyer

Schriftsteller und Musiker


© Autorenfoto: Manuela Obermeier

© Hintergrundbild: Ulrike Schaller-Scholz-Koenen