Auf meiner Webseite möchte ich Sie einladen, zwei Künsten zugleich zu begegnen: Literatur und Musik. Sie sind einander nahe verwandt.
Besitzt nicht jede Melodie eine Geschichte, jede Geschichte auch eine Melodie? Birgt nicht auch das Deutsche ein schier unerschöpfliches Reservoir an Sprachklangwelten?
So möge hier von beiden Leidenschaften erzählt werden, die mich das ganze Leben hindurch begleitet und in ihren Bann gezogen haben.
Der verletzte Osterhase
Lisa zog ihre Winterjacke aus. Zeigte Papa ein Osternest, das sie im Kindergarten gebastelt hatte. »Jetzt kann der Osterhase kommen.«
Ihre ältere Schwester Beate, naseweis dritte Klasse, verdrehte die Augen. »Den gibt es doch nicht.« Auch Beate hatte vor den Osterferien in der Schule ein Nest basteln müssen, es aber in ihrem Zimmer achtlos in die Ecke gelegt.
»Doch!«
»Wartet‘s ab«, beschied Papa salomonisch, schon wieder auf dem Sprung ins Büro. Hätte er doch mal Zeit und nicht immer so viel zu tun.
Lisa ignorierte ihre Schwester Beate, die in ihrer dicken Jacke die Treppe rauf zu ihrem Zimmer lief. Freilich gab es ihn, den Osterhasen, sehr viele vermutlich, wie sonst sollten die Kinder dieser Welt am Ostersonntagmorgen in ihren Nestern so reich beschenkt sein?
Noch etwas verstand Lisa nicht an ihrer Schwester: Kam der Hase endlich, und er kam auch für sie, waren Eier und Schoko in zwei Tagen verzehrt. Statt alles schön im Nest auszustellen und sich noch Tage daran zu freuen.
Wie stets fieberte Lisa dem Fest entgegen, aber am Samstag traf ein Unglück das Haus. Vater, wieder in Eile, stieg eine Trittleiter hoch, um eine Birne zu wechseln, und rutschte, auf Socken, auf einer Stufe aus. Er fiel von der Leiter und brach sich den Fuß. Der Knöchel war angeschwollen, die Ferse verdreht. Ausgerechnet jetzt. Oma kam zu Hilfe und ihre Mutter brachte Papa ins Krankenhaus.
»Und?«, fragte Lisa, als ihre Mutter nach Hause zurückkam.
»Sie haben ihn dabehalten, müssen ihn operieren.« Auch ihre Mutter sah blass aus. An der Garderobe verfehlte sie den Haken, sodass ihre Jacke zu Boden fiel.
»Das war’s dann wohl mit Ostern«, bemerkte Beate, »und mit deinem Osterhasen ohnehin.«
»Du bist doof.«
»Selber.«
»Vertragt euch.« Mama trat zwischen sie und ihre dämliche Schwester. »Ostern ist trotzdem ein Fest, da keift man einander nicht an.«
Als es Abend wurde, schlich Lisa in den Garten. Lange suchte sie nach einem Platz für ihr selbst gebasteltes Osternest. »Ob sich ein Osterhase auch verletzen kann?«, sinnierte sie – und stellte ihr Nest zu ebener Erde an die alte Gartenlinde, um ihm die Treppen zu ersparen.
Endlich war es so weit. Vor dem Frühstück sah Lisa zum ersten Mal nach ihrem Nest. Nichts. Mutter wuselte durch das Haus, dies Ostern war nicht wie sonst – es roch auch anders, die Bienenwachskerze verströmte heuer keinen österlichen Duft. Sie war unauffindbar – und Lisas Mutter hatte keine Zeit gehabt, sie zu suchen. Ein paar Smarties auf dem Tisch, aber keine Eier zum Frühstück, nicht mal normale, ungefärbte. Der Stuhl von Papa blieb leer.
Auch das Nest stand noch leer gegen Mittag. Beim dritten Mal im Garten, es war schon kurz vor drei, sah sie ihre Schwester am Wohnzimmerfenster: »Hast du was gefunden?« Es klang nun eher besorgt als hämisch.
»Nein, leider«, antwortete Lisa. Noch war ja nicht aller Ostern Abend, denn es kam noch der Montag. Wie viele Osterhasen gab es? Wie rasch kamen sie voran? Und abermals: Konnten auch sie sich verletzen?
In der Nacht träumte Lisa von einem Hasen, der einen Korb mit Eiern auf dem Rücken trug. Er saß im hohen Gras, und als Lisa genau hinschaute, bemerkte sie, dass dessen Vorderlauf gebrochen war und ein Knochen blutig und schief auf dem Fuß hinausragte. Im Schreck wachte sie auf, es war so gegen drei, und konnte nicht mehr einschlafen.
Der Ostermontag kam, zum Frühstück gab‘s Osterbrot, Mama war extra zum Bäcker gelaufen, und Oma war auch wieder zu Besuch gekommen. Trotzdem schob Lisa ihren Teller mit dem Osterbrot nach wenigen Bissen beiseite.
»Keinen Hunger?«, fragte Mama. Lisa spitzte zu Beate, auch sie aß sichtlich ohne Appetit.
Lisa schüttelte den Kopf, ein »schlecht geträumt« auf den Lippen; dieser Traum ängstigte Lisa, lieber nichts weiter davon erzählen. Zum Glück fragte Mama nicht nach.
»Wisst ihr was?« Mama schenkte sich Kaffee nach, ihr schien es gut zu schmecken. »Die Sonne scheint so schön, ihr macht jetzt mit Oma einen Spaziergang. Frische Luft tut euch gut.«
Beate maulte. Lisa nickte.
Oma war die Beste, vor allem draußen, weil sie nicht an jeder Ecke Gefahr witterte. Auf dem Spielplatz im Viertel, der über den Winter mit neuen Spielgeräten und sogar einer Seilbahn ausgestattet worden war, vergaß Lisa das leere Nest und den bösen Traum. Wippte mit der Schwester, die sich sogar weiter reinsetzte, damit die Wippe im Gleichgewicht war. Nach mehr als einer Stunde auf der Wippe, der Schaukel und zuletzt, mit Oma, auch noch auf der Seilbahn, glitt Lisa aus den Schuhen und kippte den Sand aus.
Danach ging es zurück nach Hause, denn von Westen zogen Regenwolken auf.
Hinter der Pforte zum Haus spitzte Lisa in den Garten zu ihrem Nest. Aus ihm spitzte es blau und rot – Ostereier und vielleicht noch mehr?
Lisa rannte hin, auch Beate folgte, die jetzt anscheinend doch an den Osterhasen glaubte. Auch sie fand bald ein Nest, beide waren sie reich bestückt, neben Eiern noch vieles aus Schoko, sogar ein Lamm aus Plätzchenteig. Auch Beate freute sich ob des späten Osterglücks.
»Siehste, es gibt ihn doch.« Der Blick zur Schwester, sie hatte recht behalten.
»Das war Mama«, erwiderte Beate, den Mund voll vom ersten Schokoladenei. Fort war sie.
Lisa blieb draußen. Legte das Nest unter das Dach der Veranda, damit es da nicht hineinregnete. Frühestens morgen würde sie sich das erste Schokoladenei gönnen und sich das größte bis zuletzt aufheben.
Nein, es gab den Osterhasen. Der hatte sich bloß verletzt, und schaffte es erst heute her – und bis nächste Ostern war Papa wieder gesund.