Auf meiner Webseite möchte ich Sie einladen, zwei Künsten zugleich zu begegnen: Literatur und Musik. Sie sind einander nahe verwandt.
Besitzt nicht jede Melodie eine Geschichte, jede Geschichte auch eine Melodie? Birgt nicht auch das Deutsche ein schier unerschöpfliches Reservoir an Sprachklangwelten?
So möge hier von beiden Leidenschaften erzählt werden, die mich das ganze Leben hindurch begleitet und in ihren Bann gezogen haben.
Beim Haftrichter
Ermittlungsrichter Fröhlich nimmt die Akte mit den ersten polizeilichen Ermittlungen entgegen. In einer Viertelstunde kommt der Beschuldigte. Nur fünfzehn Minuten Zeit für einen Mord. Bruchstücke, Puzzlesteine, zusammenzufügen für die eine, alles Weitere entscheidende Frage: Einsperren oder laufenlassen?
Der Tatort. Stadtpark, Nacht, östliche Winde. Ein Laubberg, obendrauf ein Ahornblatt mit frischem, getropftem Blut. Zwei Patronenhülsen, Kaliber zwölf. Geradezu klassisch. Weiter. Der Getötete, ein Dealer, blutverkrustet, auf dem Tisch der Rechtsmedizin. Schmauchspuren am Hemd, zum Kragen hin verblassend. Risswunden an der rechten Hand, nässend und desinfiziert. Typisch Uniklinik: tot, aber steril. Altmodische blaue Strickjacke, am linken Ellbogen gerissen. Sicher finaler Todeskampf. Zwei Mädchen, Tatzeuginnen, kreidebleich auf der Wache, halb Geschrei, halb Flennen. Unergiebig. Weiter. Nebelschwaden über dem Laub, Nieselregen zu Mitternacht. Mordwetter. Motiv vorläufig rätselhaft. Nicht schlimm, das hat Zeit. Tatwaffe sichergestellt und im Streifenwagen. Professor Maximilian Kaltengruber, Ordinarius der hiesigen Pathologie, umwölkt von Havannazigarren, Modergeruch und Sagrotan. Kopfschuss Arterie, sofort tödlich. Zuvor gekifft, weil Spuren von Gras, im Blut. Jedoch reiner Kollateralbefund, also nicht todesursächlich. Die Mädchen, soeben zu Ende vernommen, die flennen noch immer, nichts Sachdienliches. Die Frau des Getöteten ist verständigt, von KHK Bertram Leisentritt, dem Sensibelchen. Sein Aktenvermerk: Trug’s mit Fassung. In der Wohnung leere Flaschen. Klebrig. Wer Sorgen hat, der hat auch Likör. Nun Witwe. Alles Fleisch ist gleich wie Heu. Im Laub etwas Stroh, vermodert, noch vom Sommer. Motiv weiterhin im Dunkeln. Leiche freigegeben. Zur Einäscherung. Tatwaffe unauffällig, sechs Patronen noch drin. Angstreserve. Spurensicherung Ahornblatt, Blutstropfen sind untersucht, Blutgruppe AB, Rhesus negativ, ist selten. Spuren am Revers des Toten, DNA-Abgleich, Treffer Beschuldigter. Die Witwe trinkt. Schwierig. Mal sehen.
Ermittlungsrichter Fröhlich klappt die Akten zu. Ihm gegenüber sitzt der Beschuldigte, vorgeführt aus der JVA Nürnberg. Vorläufig festgenommen, aber frech grinsend. Alles Weitere Routine. Personalien, Belehrung.
„Sie sind des Mordes an Stan Miller verdächtig, möchten Sie sich hier zum Tatvorwurf äußern?“
„Nicht schuldig.“
Typisches Haftgesicht, murmelt Fröhlich im Geiste, der Kerl gehört eingesperrt.
So nickt er zweimal hinüber zu seiner Protokollführerin – sein Zeichen fürs rote Papier. Und setzt sodann seine Unterschrift unter den Haftbefehl.