Aus der Welt der Bücher

 

 

Was tut man nicht alles, um den Stubentiger von seinem Lesesessel fernzuhalten - denn ihr Bücher werdet immer mehr.

Und seid mir lieb und wert, so wert, dass ich gerne von euch berichte.

 

 

Barbara Kraus, Techniken des Orgelübens. Die kürzeste Verbindung zwischen Händen und Füßen ist das Gehör. Medien Kontor Hamburg, 5. Aufl. 2009

 

Welcher übende Organist neigt nicht bisweilen zum Durchspielen, zum stupiden Immer-Wieder-Ganz eines Stückes? Hier setzt die Autorin an; sie schult zum intelligenten Üben, zumal an Fingersätzen (seufz), Pedaltechnik, Feinmotorik, Geläufigkeit und den anderen notorischen Lindenblattstellen. Gehör und Üben gehören für sie untrennbar zusammen. Manches wird auch für den Klavierspieler von Interesse sein, wenngleich die Autorin die Unterschiedlichkeit der beiden Instrumente betont. Ein Vademecum also, das auch und gerade dem nebenamtlichen Organisten ans Herz gelegt sei. Schade nur, dass es mir erst jetzt untergekommen ist.

  

Jens Johler, Die Stimmung der Welt. Roman. Alexander Verlag, Berlin, 4. Aufl. 2016

 

Bücher über Johann Sebastian Bach gibt es viele - warum also noch einen Roman? Weil wir über Bachs Musik viel mehr wissen als über ihn als Menschen. Wie leibte, lebte - und liebte er?
Die Handlung des Romans setzt ein mit der Wanderung des jugendlichen Bach zu Böhm nach Lüneburg und endet mit seiner Berufung zum Thomaskantor. Gleichzeitig erklärt das Werk Bachs Ringen um die Stimmung der Welt, vom Pythagoreischen Komma zum Wohltemperierten Klavier. Der Duktus schwingt im Takt der Zeit, ohne darin des Guten zu viel zu tun. Ein virtuoses Buch, nicht nur für Musikfreunde.

 

Margit Kruse, Eisaugen. Ein Ruhr-Krimi. Gmeiner-Verlag, Meßkirch, 4. Aufl. 2016

 

Ein erfrischend anderer Krimi. Kein smarter KHK, der schon auf Seite 4 mit der jungen Kollegin den ersten Latte trinkt. Sondern Ermittlungen, die nur am Rande durch Polizei getrübt werden. Es ermittelt das Milieu, eine Knappen-Siedlung in Gelsenkirchen, sich seit Jahren belauernd, abgetakelte Hagestolze, lustige Witwen, Kleinbürgertum. Prima inter pares: Margareta Sommerfeld, auch auf der Suche, nach Liebe, nach sicherem Job, nach Leben. Dazu prädestiniert, Licht ins Dunkel zu bringen, nach einem Mord an einer jungen Frau auf dem dortigen Friedhof.
Man lese diesen wunderbaren Krimi nicht nur als Krimi, sondern auch als Hommage an das Ruhrgebiet. Ungeschminkt, mit derben kräftigen Strichen und Details, die einem das Lachen im Halse umdrehen.

 

Diana Hillebrand, Zuhause im Café. Eine koffeinhaltige Reise durch München. Volk Verlag, München, 2017

 

Bücher zu München gibt es viele, auch über seine Kaffeehäuser, aber kaum eines regt die Sinne so intensiv an wie dieses. Die Autorin stellt uns 35 Adressen in ganz München vor, erzählt die Geschichten, der Häuser wie der Inhaber, und blickt auch hinter die Theken - hat sie doch zu jedem Kaffeehaus auch ein typisches Rezept zu bieten. Das große Format kommt den vielen herrlichen Bildern zugute und zeigt, dass sich die Autorin nicht nur an Touristen, sondern auch an alle Münchner(innen) richtet, die Starbucks und Konsorten überdrüssig geworden sind. So ist es kein Nachschlagewerk, sondern ein Buch zum Sich-Daran-Festfreuen.

So nehme man es gern und oft zur Hand und reise wieder mal nach München.

 

Ute Cohen, Satans Spielfeld. Roman. Septime Verlag, Wien, 2017

 

Der Stift des Lesers hält inne: Kann man Schockstarre rezensieren? Aber er kann, und er muss. Marie, zwölf Jahre alt, der Gefühlskälte ihrer Eltern ausgesetzt - ein ideales Opfer: Schwerer sexueller Missbrauch von Minderjährigen, ein abseits gelegenes Dorf. Und vor aller Augen. Die nicht sehen wollen, dass es einer der Honoratioren ist.
Zum Glück versteht es die Autorin, dem Text eine Tiefe zu geben, die ihn nicht zu einem bloß plakativen, also unreflektierten Grauen werden lässt. So ist es ein Buch, das neben der Intensität des Geschehens auch durch die Kraft seiner bilderreichen Sprache besticht und dem Leser zu diesem so heiklen Thema empfohlen sei. Damit wir alle das Schweigen brechen. Ehe es zu spät ist.

 

Conny Schramm, Mein ungebügeltes Leben. Brunnen Verlag, Gießen, 2016

 

Geschichten über die Wende 1989 gibt es viele. Auch solche über die DDR, allerdings oft fokussiert auf bestimmte Biotope (Weißer Hirsch, Dresden) oder (Künstler-)Szenen. Wie aber gestaltete sich DDR-Alltag?
In dieser Autobiographie schildert uns die Autorin ihre Kindheit und Jugend in der DDR sowie die Wende. Zum Glück hat sie davon abgesehen, wie eine Buchhalterin Jahr um Jahr abzuhandeln. Sie beschränkt sich auf zentrale Orte (Schulen), Lebenseinschnitte (Jugendweihe/Konfirmation) und die Zuspitzung um 1989. Die anekdotischen Episoden stehen pars pro toto und machen uns die Autorin lebendig. Nicht DDR-typisch ist dabei die christliche Sozialisation der Autorin. Sie gewährt, sowie er sich darauf einlässt, aber auch dem nicht religiösen Leser wertvolle Einblicke.

 

Brigitte Lamberts/Annette Reiter, Wutentbrannt. Kriminalroman. edition oberkassel, Düsseldorf, 1. Aufl. 2016

 

Ein schillernder Student an der Düsseldorfer Kunstakademie wird tot in einem Hotel am Carlsplatz aufgefunden, obschon er nur wenige hundert Meter entfernt wohnt. Bald gibt es Verdächtige zu Hauf - und Hauptkommissar Clemens von Bühlow hat eine harte Nuss zu knacken.
Knapp und doch sensibel sezieren die Autorinnen Beziehungsgeflechte von Gefühlskälte, Futterneid sowie sexueller Abhängigkeit. Unerbittlich und atemlos im Duktus, ziehen sie den Leser in den Bann, bis zu einem sich dramatisch zuspitzenden Schluss. Dort ist dann alles gesagt, aber kein Wort zu viel. Ein großartiger Krimi.

 

Susanne Rocholl, Zoé & Adil in Love. Jugendroman. Größenwahn Verlag, Frankfurt am Main, 2017 

 

Was macht einen Roman über eine „junge Liebe“ spannend? Dass die beiden Liebenden als „nicht miteinander vereinbar“ erscheinen; sogar so, dass der Leser, gäbe es nicht den Romantitel, anfangs geneigt ist, in Zoé und Adil Protagonist und Antagonist zu verorten. Dabei sind sie, mit ihren je eigenen Wunden, beide „Helden“, also Protagonisten.

Wer ist Antagonist? Keine Romanfigur ist so dominant, dass sie die Rolle allein ausfüllt. Man mag hierin einen Mangel sehen. Es sei denn, man sieht uns alle als Antagonisten – sprich die Gesellschaft, die beide, Zoé und Adil, da aus unterschiedlichen Kulturkreisen, voreilig für „nicht miteinander vereinbar“ hält.

Doch da die Autorin den Leser ausgewogen mit dem Problem Immigration konfrontiert, haftet dem Roman nichts zu Beflissenes, Oberlehrerhaftes an. Er ist eine eindringliche, sehr sensible und spannende Erzählung über dieses brisante Thema und sei dem Leser herzlichst empfohlen.

 

Kirsten Jüngling, Emil Nolde. Die Farben sind meine Noten. Biographie. Propyläen Verlag, Berlin, 2013

 

Vor 150 Jahren wurde Emil Nolde (der Künstlername greift seinen Geburtsort Nolde in Nordschleswig auf) geboren. Mit brennendem Ehrgeiz und großer Ausdauer wächst der gelernte Möbelschnitzer zu einem Künstler heran, dessen Bilder durch ihre Farbenkraft die Betrachter faszinierte.
In ihrer nun auch als Taschenbuch erschienenen Biographie lässt die Autorin mit großer Behutsamkeit Noldes langes Leben Revue passieren, das von Bismarcks Kriegen bis weit in die Gegenwart reichte. Sie erhellt uns, was an seiner Kunst einzigartig war, und spart auch Noldes Haltung zum Nationalsozialismus nicht aus, sein stetes Lavieren zwischen Anpassung und Widerstand. So sei dies bestens recherchierte (und mit weiterführender Literatur versehene) Buch jedem Kunstfreund ans Herz gelegt.

 

Ralf Nestmeyer, Hotelwelten. Luxus, Liftboys, Literaten. Reclam Verlag, Stuttgart, 2015

 

Wer kennt es nicht, dieses wohlige Bauchkribbeln, wenn man nach dem Einchecken zum ersten Mal sein Hotelzimmer betritt? Seit jeher hat dieser Ort mondäner Offenheit und zugleich intimer Diskretion unsre Phantasie beflügelt, und schon mancher Künstler und Autor hat zuletzt gar nicht mehr ausgecheckt.
Der Autor erzählt uns vom Ankommen, Verweilen und Abschiednehmen. Er lädt uns ein in die mondänen Grand-Hotels, spitzt Concierges, Pagen und Liftboys über die goldenen Schulterstücke und macht uns mit den Manschetten Thomas Manns und anderer Hotel-Gäste vertraut. Solcherart inspiriert, wird man sich unversehens in einem der "Häuser allerersten Ranges" (so einst der Baedeker) wiederfinden, und sei es nur für eine einzige Nacht.

 

Gila Lustiger, Die Schuld der anderen. Roman. Berlin Verlag Taschenbuch, Berlin 2016

 

Ein Treffer beim DNA-Abgleich - und schon scheint ein 27 Jahre alter rätselhafter Mord an einer Prostituierten aufgeklärt. Nicht so in den Augen des investigativen Journalisten Marc Rappaport. Er setzt nicht bei dem dadurch gewonnenen Beschuldigten an, sondern dort, wo die Polizei damals aufhörte zu ermitteln. Stößt schnell auf Ungereimtheiten und sieht sich, selbst jüdischer Herkunft, mit bohrenden Fragen nach seiner und der Familie Biographie konfrontiert.

Ein grandioser Roman über den französischen "Filz" - auf den Spuren von Parteiführern, Eliteschulenabsolventen, Lobbyisten und Industriekapitänen, das Schmoren im Saft von Intrigen und Vertuschung. Klipp und klar, aber doch mit dem Maß an Empathie, die uns allen die eigene Schuld erspüren lässt, die Schuld des routinierten Wegschauens und der abgebrühten Gleichgültigkeit.

 

Der kleine Besserwisser. Grundwissen für Gestalter. Herausgegeben von Robert Klanten, Mika Mischler und Silja Bilz. Die Gestalten Verlag, Berlin, Neuauflage 2015

 

Ein Autor schreibt heute nicht nur, sondern er gestaltet auch. Entwirft Flyer und Cover und feilt an seiner Homepage. Da kommt dies Kompendium gerade recht, bietet es doch wertvolle Hilfe bei Farben und Formen, Typographie und Layout - ferner Wissenswertes über Fotografie und Druck sowie Betrieb und Akquise. Wichtige Infos über Rechtsfragen runden diesen Kreativ-Ratgeber ab. Konzentriertes Wissen, das man sich sonst mühsam zusammensuchen muss. So sei dies (leider nicht billige) Buch auch Autoren wärmstens empfohlen.

 

Werner P. Binder, Aysch bringt rote Pfaffenhütlein. Literarische Landschaft zwischen Steigerwald und Frankenhöhe. Bartlmüllner Verlag, Nürnberg, 1. Aufl. 2015

 

Steigerwald und Frankenhöhe sind literarische Diaspora; große Namen sind rar, andere zu Unrecht vergessen. Deswegen hat der Journalist Binder seine Zeitungsfeuilletons über dies Sujet zu einem Buch zusammengefasst.
Er erhellt darin die literarische Szene mehrerer Jahrhunderte und führt so manche Perle zu Tage, wenn auch einiges zu weit hergeholt bedeutungsvoll wirkt. Doch ist dem Autor sehr dafür zu danken, dass er jenen namenlos klugen Literaten ein Gesicht gibt, die mit den Großen der Zunft in Verbindung standen und so zur deutschen Literaturgeschichte beigetragen haben.

        

Claudia Schmid, Die Feuerschreiber. Historischer Roman. Verlag Fontis - Brunnen Basel, 2016

 

Thesenanschlag und Worms kennt man noch - darüber setzt es bei uns zumeist aus. Wie gut, dass es Autorinnen gibt, die uns die gesamte Reformation schildern. Martin Luther und Philipp Melanchthon stehen im Mittelpunkt dieses sehr lesenswerten Romans. Die Autorin hat bestens recherchiert, macht uns die historischen Zusammenhänge lebendig, zeichnet aber mit viel Liebe auch fiktionale Nebenfiguren, etwa Melanchthons Begleiter Jörg. Der Duktus atmet stilvoll das Deutsch der damaligen Zeit, doch ist der Text gut zu lesen; nichts wirkt mariniert. Die Handlung des Romans reicht vom Thesenanschlag bis zum Augsburger Reichstag 1530 mit der Confessio Augustana. Ein Werk also, das jeden Leser bereichern wird, weit über die trockenen Fakten hinaus.

 

Michael Wersin, Bach hören. Eine Anleitung. Reclam-Taschenbuch-Verlag, Stuttgart, 2015

 

Bach-Biographien gibt es zu Hauf, doch viele schrecken allein schon durch die Zahl der Seiten ab. Dieser eher schmale Band eignet sich hingegen bestens für einen Einstieg. Der Autor lädt den Leser ein, sich hörend anzunähern. Für jede von Bach gepflegte Gattung der Musik bietet er ein eigenes Kapitel, schult darin das Hören und Verstehen und streut alles Biographische so geschickt mit ein, dass der Leser auch über das Leben des großen Thomaskantors unterrichtet wird. So kann das Buch nur jedem Musikfreund wärmstens empfohlen werden.

 

Michaela Karl. Liesl Karlstadt. Gesichter einer Frau und Künstlerin. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, 2011

 

Selbst progressive, als Speerspitzen gegen "alte Zöpfe" angesehene Bewunderer von Karl Valentin, etwa Kurt Tucholksy und Bertolt Brecht, sahen in Liesl Karlstadt nur seine ihm zuarbeitende Partnerin. Dabei passt auf beider Verhältnis viel eher Valentins Freudscher Verdreher "Ich bin auf Sie angewiesen, aber Sie nicht auf mich". Ohne dass sich Valentin das ehrlich einzugestehen vermochte.

Einfühlsam zeichnet uns die Autorin das Bild einer lebensklugen und tapferen Frau, die schließlich an Valentins Misstrauen und Sturheit krank wurde und erst in der Distanz zu ihm zurück ins Leben fand.

 

Bruno Woda, Unschuldig? Roman. edition oberkassel, Düsseldorf, 1. Aufl. 2016

 

Mark verbüßt eine Haftstrafe von sieben Jahren - schwere Vergewaltigung. Keiner seiner Freunde hat ihn in der JVA besucht, doch ihnen schlägt das Gewissen. Helen macht den Anfang, und danach betreibt die Clique die Wiederaufnahme des Verfahrens, um Marks Unschuld zu erweisen. Doch das hat es in sich.

Nicht die Aufdeckung eines Verbrechens steht in dem Roman im Vordergrund, sondern dessen Dekonstruktion. Was freilich bleibt, sind Narben - fremder Sühne, eigener Schuld und Gleichgültigkeit. Nur eines überdauert, die Liebe. Die, ohne Scheu gelebt, gerade in solcher Gemengelage heilsam sein kann.

 

Rupert Schöttle, Hier klingt Wien. Die musikalische Seite der Donau-Metropole. Gmeiner-Verlag, Meßkirch, 1. Aufl. 2016

 

Wien und die Musik ist weit mehr als Johann Strauß, Staatsoper und Musikvereins-Saal, vor allem dann, wenn man die Kirchenmusik sowie Jazz, Pop und Weltmusik mit in den Blick nimmt.

Mit umfassender Sachkenntnis stellt uns der Autor die Stätten der Musikstadt Wien vor. Er lädt uns dabei ein, Blicke hinter die Kulissen zu werfen, und würzt den Text auch mit Anekdoten, etwa zu Arnold Schönbergs "Triskaidekaphobie" (der Angst vor der Zahl 13). So sei dieses Buch nicht nur Touristen, sondern auch dem gebürtigen Wiener ans Herz gelegt.

 

Monika Dimpfl, Karl Valentin. Biografie. Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 2007

 

Karl Valentins Leben ist umwabert von Legenden, Anekdoten und gar geschickt lancierten Halbwahrheiten. Da tat ein Quäntchen Nüchternheit not.

Mit klarem Blick auf die Fakten schneidet die Autorin nicht nur die üblen Schlingpflanzen ab, sondern zeigt auch mit viel Empathie, was an Valentin so einzigartig war. Der vor jeder Lampe gefiebert hat und sich keinen Text hat merken können. Und dessen unsterblicher Buchbinder Wanninger die Schrecknisse der heutigen Hotlines und Callcenter so treffend vorweggenommen hat.

 

Carmen Mayer, Das Awaren-Amulett. Historischer Roman. edition oberkassel, Düsseldorf, 1. Aufl. 2016

 

Vorderösterreich, um 1625. Baierische Soldaten drangsalieren protestantisch gewordene Einwohner. Bei einem dieser Übergriffe verliert der junge Johannes Haus und Hof; seine Eltern werden getötet, die Schwester verschleppt. Bloß ein Schmuckstück seiner Mutter, das Awaren-Amulett, ist ihm geblieben. Bis ihm auch das auf seiner langen, gefährlichen Flucht gestohlen wird. Würde es ihm vergönnt sein, seine Schwester wiederzusehen und das Amulett aufzufinden?

Mit Sachkenntnis und Wärme erzählt die Autorin von den Verheerungen eines Krieges, der uns bis heute in den Gliedern steckt. Sie lässt hierbei Wissen ihrer eigenen Vorfahren einfließen, die damals auch aus Österreich geflüchtet sind.

 

Gerd Struwe und Isa Schikorsky, Waage Kippe Bunker. Rübenverladung Wolsdorf. Erschienen bei Book on Demand (BoD), Norderstedt, 2017

 

Ob um Helmstedt, im Gäuboden oder im Gollachgau, in allen Regionen mit fruchtbarer Schwarzerde herrschte früher während der Kampagne, der Zuckerrüben-Ernte, auf den meist kleinen Bahnhöfen emsiges Treiben. Rüben wurden abgeladen, gewogen, gelagert und per Bahn zu den Zuckerfabriken gebracht.

In stimmungsvollen Fotos und Texten berichten die beiden Autoren von der harten und gefährlichen Arbeit. Und sie erzählen dabei ein liebenswertes Stück Kulturgeschichte, die wehmütige Erinnerungen weckt. Denn die Ladeanlagen sind vielerorts noch vorhanden, obwohl die letzte Fuhre dreißig oder gar vierzig Jahre zurückliegt.

 

Stefan Zweigs "Schachnovelle"

 

Vor jetzt 75 Jahren nahm sich der an der Welt verzweifelte Autor Stefan Zweig in seinem Exil in Brasilien das Leben.
Sein Meisterstück war die "Schachnovelle" - seine Erzählung über einen von der Gestapo verhafteten österreichischen Dissidenten. Nichts außer einem Buch über das Schachspiel war ihm verblieben, und es rettete ihm das Leben. Er erlernte dies Spiel, im Kampf gegen sich selbst, denn gegen wen sonst als gegen sich selbst hätte er in der Haft spielen sollen? Bis er ob dieses Wahnsinns wahnsinnig war - und aus eben diesem Grunde aus der Haft entlassen wurde.

Beklemmend, noch heute, und uns Mahnung genug.

 

Dan Kieran, Slow Travel. Die Kunst des Reisens. Aus dem Englischen von Yamin von Rauch. Wilhelm Heyne Verlag, München, 3. Aufl. 2014

 

Reisen bildet. Heißt es zumindest. Indes, reisen wir auch bewusst, statt nur Kilometer zu fressen und uns von anderen lenken zu lassen?

Der Autor lädt uns ein, bewusster zu reisen. Der Hast zu entsagen - und offen zu sein für das Beiläufige, Unverhoffte. Nur diese Muße gibt unseren Hoffnungen auf ein bildendes Reisen jenen Freiraum, den es so dringend benötigt. Ein inspirierendes Buch, für dessen nicht übersetzten Titel sich jedoch auch ein treffender deutscher Ausdruck hätte finden lassen.

 

Turit Fröbe, Die Kunst der Bausünde. Quadriga Verlag, Berlin, 2013

 

Ob Bierpinsel (Berlin) oder Elefantenklo (Gießen) - Bausünden, wohin man auch blickt. Doch lohnt es sich genau hinzuschauen. Denn gewisse Bausünden sind so originell, dass sie zu Stilikonen geworden sind, etwa für die Zeit der allzu überhasteten Beseitigung der Kriegsschäden sowie der auto- und konsumentengerechten Stadt. So unterscheidet die Autorin zwischen guten und schlechten Bausünden und knöpft sich neben den so gerne bekrittelten öffentlichen Gebäuden auch entgleiste Ladenzeilen und Doppelhaushälften vor. Ein konstruktives, im besten Sinne anstößiges Buch.

 

Heinz Schilling, Martin Luther. Rebell in einer Zeit des Umbruchs. Eine Biographie. Verlag C.H.Beck, München, 3. Aufl. 2014

 

Um Luthers Leben rankt sich ein Kranz an Legenden, besonders zu seinem Auftritt beim Reichstag zu Worms. Daher tat es dringend not, Schlingpflanzen zu kappen, die Patina früherer Luthergedenken zu durchleuchten.

In dieser umfassenden Biographie nimmt sich der Autor nicht nur des Theologen Luther an, sondern stellt den Reformator in seine Zeit, eine Zeit weltgeschichtlicher Umbrüche. Er schreibt also deutlich über den Tellerrand des schon damals provinziellen Wittenberg hinaus und zeigt auch, wie deutsch Luther war und blieb, als sich die weite Welt um ihn herum veränderte.

 

Gudrun Maria Krickl, Die Töchter von Rosengarten. Historischer Roman. Silberburg-Verlag, Tübingen, 1. Aufl. 2016

 

Winterkönig, Wallenstein, Westfälischer Frieden - sehr viel mehr ist uns meist über den so verheerenden Dreißigjährigen Krieg nicht mehr geläufig. Da kommt dies Buch gerade recht.

Württemberg im Fokus, erzählt uns die Autorin von der Geschichte dieses Krieges ab der Niederlage der Schweden bei Nördlingen 1634. Damit uns dies nicht zu hochgelahrt und trocken daherkommt, ist eine bezaubernde Liebesgeschichte inbegriffen, rund um zwei mutige und tapfere Frauen, die Töchter von Rosengarten. Sie passt dabei so gut in den geschichtlichen Kontext, dass sie nicht angestöpselt wirkt. So sei dieses gut recherchierte Buch allen geschichtlich interessierten Lesern ans Herz gelegt.

 

Dr. Thomas Pfeifer, Treffen sich zwei Knochen. Fit und gelenkig bis ins hohe Alter. Unter Mitarbeit von Claudia Stursberg, Westend Verlag, Frankfurt am Main, 3. Aufl. 2016

 

Die Schultern zwicken, die Hüfte zwackt, und viele haben Rücken - unser Gestell hat so seine Lindenblattstellen. Da bleibt für viele nur der Griff zur Schmerztablette, trotz aller negativen Folgen.

Hier setzt dies Buch an. Es erklärt zunächst Gelenk für Gelenk und legt die Herkunft der Schmerzen bloß. Allein wer begreift, was da zwickt, setzt an der richtigen Stelle dagegen an. Ohne erhobenen Zeigefinger und mit viel Humor aktivieren die beiden Autor(inn)en den Ehrgeiz, dem alten Schweinehund ein Schnippchen zu schlagen und Schmerzen mit Bewegung zu begegnen, passgenau, Gelenk um Gelenk, Knorpel um Knorpel. Das Buch verhält sich ferner zu Diagnose, Medikamenten und Operation. Jedem Knochen daher wärmstens zu empfehlen!

 

Frank Berzbach, Die Kunst, ein kreatives Leben zu führen. Anregung zu Achtsamkeit. verlag hermann schmidt, Mainz, 7. Aufl. 2015

 

Künstler sind immer im Dienst, ohne Stechuhr und immer hart auf hart. Doch wehe, die Akkus sind leer ...

Auf diesem schmalen Grat zwischen Geistesblitz und ausgebrannt tut Innehalten oft not, führt aber leicht zu Gewissensbissen. Dabei kann achtsame oder auch spirituelle Einkehr die Sinne schärfen, Kraftquelle sein für den nächsten, oft noch ängstlich hintangestellten Schritt. Auf diesem Wege möchte uns der Autor begleiten, und er tut das mit anregender Behutsamkeit. Ein inspirierendes, wenn auch nicht billiges Buch.

 

Wolfgang Herles, Die Dirigentin. Roman. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 2012

 

Minister und Opernfreund Stein wird von Bundeskanzlerin Böckler geschasst und kriegt von ihr zum Abschied einen Taktstock geschenkt, für 63,50 €, wie es das auf der Hülse verbliebene Preisschild ausweist. Stein tröstet sich mit Dirigier-Übungen und Konzerten drüber hinweg und stellt schließlich der Dirigentin Maria Bensson nach, die in Berlin an der Staatsoper Unter den Linden einer politisch heiklen Inszenierung von Wagners Ring entgegenfiebert.
Subtil zeichnet der Autor das Parallelogramm der Macht - das Stein derart in den Bann zieht, dass er zuletzt an seinen Flanken zerschellt. Gleichzeitig ein spitzzüngiger Bericht über den Berliner Betrieb.

 

Hans Rudolf Vaget, Seelenzauber. Thomas Mann und die Musik. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 2012

 

Angeleitet von seiner musikalischen Mutter, entdeckte Thomas Mann schon als Kind das Reich der Tonkunst. Seine intensive Beschäftigung mit dem Kanon der Musikgeschichte spiegelt sich in seinen Texten und gipfelt endlich im Doktor Faustus. Hierfür knüpfte er Kontakte zu Komponisten, Dirigenten und Musikwissenschaftlern.

Außerdem ist sein Verhältnis zur Musik Richard Wagners geradezu ein Spiegelbild der deutschen Geistesgeschichte, weswegen dies gut recherchierte und fesselnd geschriebene Buch nicht nur Musikern ans Herz gelegt sei.

 

Andrea Himmelstoß, Fürth. Porträt einer Stadt. Gmeiner-Verlag, Meßkirch 1. Aufl. 2016

 

Kein Baedeker, den man Punkt für Punkt abhakt und danach im Bücherregal versauern lässt, sondern ein Vademecum, das man gern neu zur Hand nimmt. Die Autorin erzählt Fürther Geschichte(n) - nicht anhand von nackten Jahreszahlen, sondern im Pulsschlag der Stadt.

In vierzig Kapiteln lässt sie Fürther(innen) erzählen, deren Beruf wie Berufung so bunt und schillernd ist wie ein Regenbogen. Ob Kantorin, Hutmacherin, Billiger Jakob oder Buchhändler, sie alle tragen bei zum Bild einer Stadt, der nur zu gerne das abschätzige Attribut bei Nürnberg angehängt wird.

 

Regina Schleheck, Der Kirmesmörder Jürgen Bartsch. Biografischer Kriminalroman. Gmeiner-Verlag, Meßkirch, 1. Aufl. 2016

 

In den sechziger Jahren hält ein Triebtäter das ganze Ruhrgebiet in Atem. Entführt auf Jahrmärkten Jungen und quält sie in seinem Versteck bestialisch zu Tode. Als ihm doch einer entrinnt und er daraufhin festgenommen wird, heißt es allerorten: Auge um Auge, Zahn um Zahn!

Sehr einfühlsam schildert die Autorin das Geschehen; sie lässt dabei die Opfer berichten, dazu Weggefährten des Täters. Auffällig an diesem Roman ist, dass keine einzige Szene aus dessen Warte erzählt. Dennoch taucht der Leser in das zwanghaft-kriminelle Innere des Kirmesmörders ein.
Gleichzeitig ist der Roman, der ganz im Pulsschlag des Ruhrgebiets geschrieben ist, eine Sozial- und Mentalitätsgeschichte der jungen Bundesrepublik.

 

Abbitte

 

Ich weiß wohl, Ihr seid mir nicht gram, Ihr lieben Kolleg(inn)en mit Euren wunderbaren Büchern. Die es allesamt längst verdient hätten, auf diese Seite zu kommen.
Denn Ihr wisst ja selber aus Erfahrung, dass die eigenen Projekte einen derart umtreiben können, dass alles andere zurückstehen muss.
Dennoch leiste ich Abbitte. Weil wir Autoren davon leben, dass man unsere Bücher nicht nur kauft, sondern auch darüber spricht.

 

Stefanie Gregg, Duft nach Weiß. Roman. Pendragon Verlag, Bielefeld, 1. Aufl. 2016

 

Im September 1978 wurde, auf Geheiß des damaligen bulgarischen Staatspräsidenten und ZK-Sekretärs Schiwkow, der bulgarische Dissident Georgi Markow in London durch einen mit Gift präparierten Regenschirm ermordet.

Neben diesem historischen Mordfall erzählt die Autorin mit großer Wärme und Empathie vom Schicksal der bulgarischen Familie Lulewa. Einer Familie „ohne Männer“, mithin von mutigen Frauen, deren Hunger nach Freiheit typisch ist für jene Verheerungen des letzten Jahrhunderts, die auch heute noch die gleichen Verheerungen sind. Eine Geschichte, die den Leser bis zur letzten Seite fasziniert, zumal die Autorin beide Erzählstränge geschickt miteinander verknüpft.

 

Susanne Diehm/Lisa Sintermann, Erfolgreiche Blogtexte. Inspiriert und kreativ schreiben für guten Content. mitp Verlag, Frechen, 2016

 

Öfters leer gebloggt? Das Papier blütenweiß? Dies müsste nicht sein, denn Themen gibt es zu Hauf.

Mit kreativ zum Mittun einladenden, gezielten Lockerungstechniken gelingt es den beiden Autorinnen, Ideenstau und Schreibblockade ein Schnippchen zu schlagen. Wirksame Hilfe zur Selbsthilfe, zum allfälligen Neuverschalten des Verstandes. Und doch so handlich, dass man es nirgends zu entbehren braucht. Ein Buch mithin, das in keiner Autorenbibliothek fehlen sollte.

 

Gabriele Knoll, Route der Industriekultur. Bewahrtes Erbe des Ruhrgebiets. Grebennikow Verlag, Berlin, 1. Aufl. 2014

 

Vor sechs Jahren bereiste ich erstmals das Ruhrgebiet. Auf Zeche Zollverein bot sich beste Sicht von der Aussichtskanzel - zig Schlote ragten rings umher in den Himmel. Allenfalls zehn davon rauchten noch.

Wie es dazu kam, erzählt dieses Buch, mit dem man auch bestens auf Reisen gehen kann, weil es nach Städten gegliedert ist. Man lese es mit Respekt, denn von der Ruhr rührt jener Wohlstand her, von dem unser Land bis heute zehrt. Und wo, den Unkenrufen zum Trotz, eine einzigartige Kulturlandschaft entstanden ist, in die zu investieren sich lohnt.

 

Tatjana Flade, Herz im Fadenkreuz. Liebe in Zeiten des Terrors. edition oberkassel, Düsseldorf, 1. Aufl. 2016

 

Ein Abend in der Bonner Kneipe „Känguru“, und nichts ist mehr wie zuvor. Esthers und Lysanders Blicke bleiben fest aneinander hängen. Wenn Lys bloß nicht so arg verschlossen wäre. Hat er etwas zu verbergen?

Mit liebevoller Eindringlichkeit und Empathie zeichnet die Autorin das Innere der beiden Studenten. Ihre Liebe, die schon bald auf harte Proben gestellt wird. Wird sie sich festigen können unter dem Damoklesschwert blutiger Anschläge, die spätestens seit München und Ansbach so beklemmend aktuell geworden sind?

 

Ludwig Merkle, Bairische Grammatik. edition monacensia im Allitera Verlag, München, 2005

 

Schon gestolpert über Wann i mit meinå Wampm kanndd, na steigad i afd Kampmwand? Dann studiere man dieses treffliche Werk, das nicht allein eine Grammatik, sondern auch eine Phonologie ist, weil es durch die stets lauttreue Schreibung die passgenaue Aussprache gleich mitliefert.

Solcherart unterrichtet, wird der Wohlbeleibte nicht nur die Gondel rauf zur Kampenwand nehmen; er weiß dann auch, dass der Satz gleich zwei bairische Konjunktive enthält, einen starken und einen schwachen.

 

Shannon Crowley, Hillmoor Cross. Thriller. edition oberkassel, Düsseldorf, 1. Aufl. 2016

 

Idyllisch ist es um Hillmoor Cross, an der kliffreichen Westküste Irlands. Doch diese Idylle trügt: Kleine Jungen werden als vermisst gemeldet und später tot aufgefunden.

Rund um das Thema sexueller Missbrauch von Kindern zeichnet die Autorin messerscharf die beteiligten Personen, jedoch stets mit großer Sensibilität. Sehr behutsam präsentiert sie uns auch den Beschuldigten, der sich, je länger desto mehr, in seinen Schlingen verstrickt. Der virtuos komponierte und spannende Thriller nimmt den Leser gefangen. Und lässt ihn in einem Zug bis zur letzten Seite durchschmökern. Kompliment!

 

Hans-Ulrich Treichel, Menschenflug. Roman. Suhrkamp Taschenbuch Verlag Frankfurt am Main, 1. Aufl. 2007

 

Phantomschmerz Luzk. Luzk in Wolhynien. Nebst dem dazugehörigen Landkreis und den fünfzig untergegangenen deutschen Posaunenchören.

Dargestellt an Stephan, einem an sich erfolgreichen, jedoch an seinem wolhynischen Erbe leidenden Sprachwissenschaftler, dessen innere Verwerfungen und Abgründe für zahllose Vertriebenenkinder kennzeichnend sind.

 

Petra Hartlieb, Meine wundervolle Buchhandlung.  DuMont Buchverlag, Köln, 2014

 

Ein Gebot "Bruder Leichtfuß" bei Ebay - und nichts ist mehr wie zuvor. Denn ersteigert ist eine verwaiste und dringend ausbaubedürftige Buchhandlung in Wien. Der rasche Umzug von Hamburg an die Donau ist da noch das Harmloseste.

Alles Weitere lese man nach in diesem humorvollen und erfrischend lakonischen Bericht, den man gut in einem Rutsch durchschmökern kann.

 

Die Autoren-Zeitschrift „Federwelt“

 

Außer der Reihe - weil zu den geraden Monaten - liegt sie bei mir im Briefkasten, und auch inhaltlich weiß sie, wo es not tut, gegen den Strich zu bürsten. Und hält den Autor, gleich welchen Genres, zuverlässig auf dem Laufenden.

So ist denn eines beraten, beschlossen, verkündet: Dass ich bereits der nächsten Ausgabe entgegen fiebere.

 

Ursula Schmid, Bekenntnis mit Folgen. Kriminalroman. edition oberkassel, Düsseldorf, 2016

 

Mord in der Turnhalle eines Nürnberger Gymnasiums, an einem unter den Schülern recht verrufenen Mathe- und Sportlehrer! Rasch gibt es Verdächtige zu Hauf, und Kommissarin Belu Nürnberger stochert lange im Nebel.

Ein lesenswerter und durch das Milieu "Schule" sehr facettenreicher Krimi, der zudem das finstere Thema „Häusliche Gewalt“ beleuchtet.

 

Ulrike Draesner,  Sieben Sprünge vom Rand der Welt. Roman. btb-Verlag, München, 1. Aufl. 2016

 

Hitler und die Folgen: eine Familie flüchtet aus Schlesien nach Bayern; die andre wird von Ostpolen nach Schlesien umgesiedelt.

Die Autorin schildert an den Familien Grolmann und Nienaltowski die Verheerungen von Krieg, Flucht und Vertreibung, bis in die heutige Zeit und bis ins dritte und vierte Glied. In eindringlichen Szenen legt sie den Finger tief in die Wunden, die noch nicht verheilt sind. Ein spannender Roman; sehr sprachgewaltig und hie und da vielleicht eine Spur zu gewollt ambitioniert.

 

Zora del Buono, Gotthard. Novelle. Verlag C. H. Beck, München, 2015

 

Dieser Tage wurde, nach höchst vorbildlicher Planung, in der Schweiz der neue Gotthard-Basistunnel eröffnet.

Vor diesem aktuellen Hintergrund erzählt die Autorin in messerscharfen Sätzen von dem Berliner Eisenbahnfreund (und Hagestolz) Fritz Bergundthal, der eigentlich bloß ein paar Fotos von der oberirdischen alten Strecke knipsen will, dann aber binnen Tagesfrist den Abgründen der Mineure (sowie der Gefühle) verfällt. Ein Meisterwerk auf weniger als 150 Seiten.

 

Titus Müller, Der Schneekristallforscher. Erzählung. Adeo Verlag, Asslar, 2. Aufl. 2014

 

Jericho, Vermont/USA, 1887. Wilson Bentley, Sohn eines Bauern, fotografiert den Schnee und dringt so ein in die Welt der Kristalle. Bei den vom Schnee geplagten Dörflern stößt er auf Unverständnis. Bis er der jungen Lehrerin Mina Seeley begegnet, die aus dem Getriebe New Yorks für einige Zeit nach Jericho geflüchtet ist.

Ein gut recherchiertes, einer tatsächlichen Begebenheit nachspürendes Werk, das die Welt der Schneekristalle mit einer subtilen Liebesgeschichte verquickt. Dazu in seinem ruhigen Duktus ein Quell der Entschleunigung und Gelassenheit.

 

Ralph Bollmann, Walküre in Detmold. Eine Entdeckungsreise durch die deutsche Provinz. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart, 4. Aufl. 2012

 

Es begann in Neustrelitz. Angetan von einem "Fidelio" in der ehemals mecklenburgischen Residenz, hat der Autor die Idee, sämtliche deutschen Theater mit Opernaufführungen zu besuchen.

Herausgekommen ist ein herrlich subjektives, jedoch mit Augenmaß verfasstes Werk, das, auch abseits der Metropolen, mit Lust und Verve Zeugnis ablegt, eines ganzen Landes samt seiner kleinteiligen Theaterlandschaft, die es, trotz vieler Zwänge, unbedingt zu bewahren gilt.

 

Tilmann Lahme, Die Manns. Geschichte einer Familie. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2015

 

Das Buch ist mehr als eine Familienchronik, es ist ein Hohlspiegel der jüngeren deutschen Geschichte – rund um den „Zauberer“, wie Thomas Mann von seinen Kindern genannt wurde. Die ihm alle sechs, ganz auf ihre Weise - und mal mehr, mal weniger erfolgreich - nachzueifern suchten.

Ein fesselnd geschriebenes Werk, das deutlich über den Horizont - und den Tod - Thomas Manns hinausweist.

 

Kathrin Aehnlich, Wenn die Wale an Land gehen. Roman. Aufbau Taschenbuch, Berlin, 2015

 

Erst dieser Tage reist Roswitha doch noch nach New York, um ihren Mick wiederzusehen, mit dem sie Jahre vor der Wende die DDR aus den Angeln zu heben versuchte.

Ein lesenswerter, da ungemein berührender Roman - über die Sehnsucht, eine Jahrzehnte überdauernde Liebe. Ferner eine tief unter die Haut gehende Erzählung der letzten Jahre der DDR.

 

Sabine Hinterberger, Wenn Wörter uns halten … Mit Mia und Herrn Klauber durch Iserlohn. Illustriert von Tanja Graumann. Mönnig-Verlag, Iserlohn, 2015

 

Kurz und überaus dicht – mit wenigen, kräftigen Strichen berichtet die Autorin von der Begegnung zweier scheinbar verschiedener und tatsächlich wesensverwandter Menschen, die beide mit einem schweren Verlust konfrontiert sind. Wohltuend knapp und überaus behutsam zeichnet sie zugleich das Bild dieser Stadt, wozu auch die Illustrationen im Buch ihren Teil beitragen.

 

Norman Doidge, Neustart im Kopf. Campus Verlag, Frankfurt am Main/New York, 2. Aufl. 2014

 

Anders als lange angenommen, ist unser Gehirn plastisch; es kann sich bis ins hohe Alter entwickeln und sich nach Schlaganfällen und anderen Schlägen umprogrammieren.

Weiteres lehrt uns das angenehm knappe und dennoch erschöpfende Buch, das nicht nur zu informieren, sondern auch brillant zu erzählen weiß.

 

Andrea Reichart, Rock im Wald. Ein Norbert-Roman. Mönnig-Verlag, Iserlohn, 2015

 

Tierschutz ist immer segensreich, kommt aber bisweilen etwas moralinversäuert daher. Sympathisch jedoch bei diesem Roman, der eine virtuos komponierte, auf etwa drei Tage reduzierte Liebesgeschichte erzählt.

Und wer ist Norbert? Klar doch, ein Vierbeiner, sympathisch und stets auf der richtigen Fährte.

 

Susanne Rocholl, Die Früchte am Ende des Zweiges. Roman. Edition Contra-Bass, Hamburg, 2013

 

Nach der Islamischen Revolution verlässt die Iranerin Nasrin Land und Familie. Macht in Deutschland Karriere, zielstrebig und erfolgreich. Dann aber überredet sie, trotz der Bedenken der Eltern, ihre heimatverbundene Schwester Latife, ihr nach Deutschland zu folgen …

Ein wohltuend knapper, atemlos spannender und eindringlicher Roman. Klug, mit viel Empathie - und mit Figuren, die einen nicht mehr loslassen.

 

Jacqueline Lochmüller, Fränkische Verführung. Kriminalroman. Emons Verlag, Köln, 2014

 

Unruhe in Bayreuth – ein Mord, unweit des Festspielhauses, und nur wenige Wochen vor den Festspielen!

Ein lesenswerter Krimi; sehr liebevoll inszeniert und virtuos durchkomponiert. So hält er den Spannungsbogen bis zum Schluss.

Überzeugend zumal die Protagonistin, Kommissarin Benita, eine starke und, in ihrer einen kleinen Schwäche, ungemein anrührende und sympathische Figur.

 

Andrea Himmelstoß, Nürnberg und Fürth, die ungleichen Schwestern. Gmeiner-Verlag, Meßkirch, 1. Aufl. 2013

 

Gewiss, es geht auch um 1. FC Nürnberg – Greuther Fürth, aber eher am Rande. Denn die nicht in Franken geborene Autorin huldigt gerade nicht der Folklore der Feindschaft. Sie stellt vielmehr das Gemeinsame beider Städte heraus und weiß ausgewogen und spannend zu erzählen, mit Vorliebe abseits der Touris. Daher auch allen Eingeborenen wärmstens zu empfehlen.

 

Ulla-Lena Lundberg, Eis. Aus dem Schwedischen von Karl-Ludwig Wetzig. mareverlag, Hamburg, 2014

 

Ein junger Pastor tritt um das Jahr 1945 seine erste Pfarrstelle an, auf einer ziemlich abgelegenen Insel zwischen Finnland und Schweden. Durch sein offenes und herzliches Wesen gewinnt er sehr schnell die Herzen der Bewohner. Doch er zweifelt. Leidet, gut protestantisch, an seinen Schwächen und fühlt sich wie auf dünnem Eis …

Ein Roman, der einen nicht mehr loslässt, vor allem die sehr souveräne Erzählstimme, die eine unter die Haut gehende Geschichte darbietet.

 

 

Martin Meyer
Schriftsteller und Musiker

 

 

Kontakt

Bitte nutzen Sie mein Kontaktformular.